Impulse für unser Leben in der Corona-Ausnahmesituation

Impuls 14 für die Woche nach dem 13. Sonntag im Jahreiskreis, 28. Juni - 4. Juli 2020

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1.

Im Rückblick auf die (bisherige) Corona-Zeit: Wie hat sich mir darin Gott gezeigt?

Wenn jemand zu einem geistlichen Begleitgespräch kommt (alle 4-6 Wochen), dann ist es öfter so, dass der/die Begleitete erzählt, was er/sie in den Wochen seit dem letzten Gespräch erlebt hat, was besonders schön oder schwierig war, was diese Zeit geprägt hat u.ä.. Dann frage ich ab und zu:

  • Und wie hat sich darin für Sie Gott gezeigt?
  • Wann, wo, wobei haben Sie etwas von ihm gespürt oder geahnt?
  • Als was für ein Gott hat er sich Ihnen offenbart?
  • Was für einen Namen könnten Sie dem Gott geben, den Sie in dieser Zeit irgendwie erfahren haben? (In der ersten Ausgabe des Gesangbuchs „Gotteslob“ gibt es unter Nr. 763 eine „Namen-Gottes-Litanei“!)
  • Wenn Sie anderen etwas aus eigener Erfahrung von Gott erzählen oder gar vorschwärmen sollten, was würden Sie dann sagen?

So zu fragen, das eigene Leben und Erleben einmal durch diese Brille anzuschauen ist für viele zunächst ungewöhnlich. Aber meist ist es sehr fruchtbar, da einem durch diese Perspektive manches neu bewusst wird - und zwar zu einer ganz zentralen Frage.

Deshalb möchte ich Ihnen nun, vor den Sommerferien und der Urlaubszeit, wo nun zugleich eine erste Phase der Corona-Zeit zu Ende geht, diese Frage(n) mit auf den Weg geben.

Nehmen Sie sich einmal Zeit dafür und gehen den o.g. Fragen nach. Am besten als eine Art Gebetszeit, in der Sie sich am Anfang vergewissern, dass Gott bei Ihnen ist und dass Sie in seiner Gegenwart sind, und in der Sie ihn bitten, dass er Ihnen die Sinne dafür öffnet, wo und wie er in den letzten Wochen bei Ihnen war und für Sie da war. Das kann dann eine spannende innere Entdeckungsreise werden!

Der große Theologe und Jesuit Karl Rahner hat gesagt: „Gott ist das bleibende Geheimnis.“ Ja, wir können Gott nicht „erklären“, mit bestimmten Worten klar definieren. Gott ist immer größer als das, was wir in Worten über ihn ausdrücken können. Aber immer schon haben die Menschen ihre Erfahrungen mit Gott (so gut, wie es geht) in Worte gefasst - im Bewusstsein, dass damit nur „ein Teil“ von Gott erfasst ist, aber eben auch in dem Bewusstsein, dass Gott selbst sich uns offenbart, damit wir in und aus der Verbindung mit ihm leben können.

Und jeder hat - bewusst oder unbewusst - ein bestimmtes Gottes-Bild, sein persönliches Gottes-Bild. Das wandelt sich und reift hoffentlich im Laufe des Lebens - mit den Lebens-Erfahrungen und darin Gottes-Erfahrungen, die jemand macht. Auch von daher ist es sehr hilfreich, diese eigenen Gottes-Erfahrungen einmal herauszukristallisieren, zu reflektieren und „auszuwerten“. Dadurch gewinnt nicht zuletzt das Leben an Tiefe.

Denn Gott ist das Geheimnis des Lebens. Und er ist Quelle und Ziel und Vollendung des Lebens. Deshalb ist der Leitsatz des heiligen Ignatius von Loyola: „Gott in allem suchen und finden“.

Wenn es darum geht, wo und wie wir etwas von Gott erfahren können, denken viele an Gebet, Meditation, Gottesdienst, Sakramente; daran, dass Gott uns in der Heiligen Schrift begegnet (in den dort niedergeschriebenen Erfahrungen, die die Menschen über Jahrhunderte mit IHM gemacht haben). Aber Gott begegnet Ihnen auch in Ihrer eigenen Mitte, in Ihnen selbst; im Nächsten, in den Notleidenden und Armen (s. Mt 25, 31-46) und in eigenem Leid; in der liebenden Begegnung - dort, wo seine Liebe fließen kann; in Augenblicken der Erfüllung, in denen Sie ganz bei sich und bei den anderen sind; in dem, was Sie konkret Tag für Tag erlebe, … Deshalb: „Gott in allem suchen und finden“.

Je mehr jemand Gott sucht und ihm irgendwie auf der Spur ist, desto mehr ist er dem Leben auf der Spur, desto mehr ist er auf der Spur des Lebens, auf dem Weg zu größerer innerer Freiheit und persönlicher Lebendigkeit.

Der Jesuitenpater Alfred Delp, ein Märtyrer der NS-Zeit, hat das so erlebt. Er hat in einem Brief geschrieben:

„Das eine ist mir so klar und spürbar wie selten: Die Welt ist Gottes so voll. Aus allen Poren der Dinge quillt er gleichsam uns entgegen.

Wir aber sind oft blind. Wir bleiben in den schönen und bösen Stunden hängen und erleben sie nicht durch bis an den Brunnenpunkt, an dem sie aus Gott herausströmen.

Das gilt für alles Schöne und auch für das Elend. In allem will Gott Begegnung feiern und fragt und will die anbetende, hingebende Antwort.

Die Kunst und der Auftrag ist nur dieser, aus diesen Einsichten und Gnaden dauerndes Bewusstsein und dauernde Haltung zu machen bzw. werden zu lassen. Dann wird das Leben frei in der Freiheit, die wir oft gesucht haben.“

2.

„Die Kunst und der Auftrag ist nur dieser, aus diesen Einsichten und Gnaden dauerndes Bewusstsein und dauernde Haltung zu machen bzw. werden zu lassen.“ Diese Einsicht von Alfred Delp bedeutet: Wer nach Gott und seinen persönlichen Gottes-Erfahrungen sucht, der kann dadurch in eine Tiefe des eigenen Erlebens geführt werden, zu der gehört, dass er/sie in der spürbaren ständigen Gewissheit lebt, dass er in der Gegenwart Gottes lebt, ja „in IHM lebt“ und von IHM als Quelle des Lebens genährt und geführt wird. Genau das ist damit gemeint, wenn Paulus den Christen in Thessaloniki schreibt: „Betet ohne Unterlass!“ (1 Thess 5, 17). Das immerwährende Gebet besteht nicht darin, dass ich rund um die Uhr „zu Gott spreche“, sondern in der tiefinneren Gewissheit und Erfahrung, dass ich grundsätzlich und immer mit Gott verbunden bin (und zwar von Gott her, weil ER uns als Gott nahe sein und für uns da sein möchte!) und dass ich aus dieser Beziehung je neu Leben geschenkt bekomme.

Wenn Sie sich – wie oben angeregt – auf die Suche nach Gott in Ihnen und Ihrem persönlichen Leben machen, wenn Sie sich Ihre Gottes-Erfahrungen vergegenwärtigen, dann bewegen Sie sich dadurch in Richtung des „Betens ohne Unterlass“, insofern dadurch das Leben in der Gegenwart Gottes als „dauerndes Bewusstsein und dauernde Haltung“ (Alfred Delp) gefördert wird. Und dadurch vertiefen Sie zugleich Ihre Gottesbeziehung (gleich, wie die auch konkret sein mag) - und er kann Sie noch mehr mit dem beschenken, was er Ihnen von seinem Leben Tag für Tag neu zukommen lassen möchte - damit Ihr Leben und Ihr konkretes Erleben immer mehr „Leben in Fülle“ (Joh 10, 10) ist.

Dass Sie sich von Gott auf diesem Weg weiter führen lassen,

das wünsche ich Ihnen von Herzen!

 

Ihr
Christoph Maria Kohl

 

Impuls 13 für die Woche nach dem 12. Sonntag im Jahreiskreis, 21.-27. Juni 2020

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1.

In 14 Tagen beginnen die Sommerferien – es gibt Ferien, aber mit eingeschränkten Urlaubsmöglichkeiten, nach einem Schuljahr, das alles andere als normal war. Corona lässt grüßen. Aber viele Mitmenschen tun schon so, als ob die Corona-Gefährdung vorbei wäre, oder sehnen sich danach, dass bald alles wieder so ist wie vorher. Und zugleich höre ich im Radio: „Auch wenn viele sich das wünschen: Es kann und wird nicht wieder so werden wie vor der Pandemie.“ Diese Sicht teile ich voll und ganz. Es wäre gut, sich darauf einzustellen, dass nicht wieder alles so sein und gehen wird wie vorher, und auf zwar auf allen Ebenen des Lebens.

Und dafür wäre es weise, sich mit den Fragen und Fraglichkeiten, die durch die Pandemie hochgespült worden sind, auseinanderzusetzen. Es wäre gut, auf die Corona-Ausnahmezeit zurückzuschauen. Diese Zeit kann eine lehrreiche Zeit werden, wenn wir unsere andersartigen Erfahrungen darin reflektieren und auswerten. Dazu möchte ich Sie einladen und ein paar Anregungen geben.

Was durch die Corona-Zeit deutlich wurde:

Wir, die Menschen, stehen nicht über der Natur, sondern sind voll und ganz Teil der Schöpfung und in sie hineinverwoben. Darüber ändern auch alle errungenen technischen Möglichkeiten nichts. Von daher wäre es gut, das so zu sehen und mit der Schöpfung als ganzer wertschätzend umzugehen (s. Papst Franziskus, Laudato si).

Durch Corona kamen wir, kam die ganze Welt mit einem Mal an ihre Grenzen, an die Grenzen des Machbaren. Unsere Grenzen, die Verwundbarkeit und die Ohnmacht gehören unausweichlich zum Leben dazu.

Genauso Sterben und Tod, die durch Corona plötzlich ganz nahe kamen, als Bedrohung und als unausweichliches Faktum. Diejenigen waren und sind da besser dran, die sich (schon) mit der Endlichkeit des eigenen Lebens auseinandergesetzt und angefreundet haben.

Corona hat offenbar gemacht, wie stark wir weltweit vernetzt sind – und zwar auf allen möglichen Ebenen – und wie sehr wir weltweit aufeinander angewiesen sind. Viele lebenswichtige Fragen können wir nur in großer Solidarität lösen, im Kleinen und im Großen. Solidarität ist mehr als je notwendig, angefangen vom Tragen des Mund-Nasen-Schutzes bis zum Miteinander-teilen in unserer Gesellschaft (auch angesichts der neuen immensen Schuldenlast!) und weltweit. Wenn wir nicht stärker vernetzt und solidarisch denken und handeln, werden wir alle in verschiedener Weise darunter leiden.

Corona hat unsere Wirtschaft fast zum Stillstand gebracht. Dieser wiederum hat deutlich gemacht, wie sehr unser Wirtschaftssystem insofern fraglich oder krank ist, als es auf Auslastung und Wachstum angewiesen ist. Zudem sind und werden immer mehr Lebensbereiche ökonomisiert, also dem Diktat des Geldes und des Geldmachens unterworfen (z.B. auch mit der Folge von im Krisenfall zu wenig geeigneten Krankenhausbetten). Der Mensch und das Menschliche leiden darunter, ja bleiben auf der Strecke.

Viele Eltern hat die Corona-Zeit durch gleichzeitiges Homeoffice und Betreuung der Kinder und Homeschooling bei Wegfall der Unterstützung durch die Großeltern an die Grenzen ihrer Belastbarkeit gebracht. Sie haben sehr wenig Zeit für sich gehabt und eine große Fremdbestimmung und Erschöpfung erlebt. Es ist deutlich geworden, was Eltern alles zu leisten haben, worauf sie angewiesen sind, damit sie Familie und Beruf gut „unter einen Hut bringen“ können und wie wichtig dabei  z.B. die Großeltern sind – und wie verletzlich auch dieses Gefüge ist.

Andererseits fällt in der Corona-Lockdown-Zeit bis heute alles Mögliche an Terminen und Veranstaltungen aus oder ist reduziert. Ein anderer Umgang mit der Zeit war möglich. Viele haben es als sehr angenehm erlebt, dass das Leben weniger voll und hektisch war. Dass manches langsamer gehen konnte und mehr Freiraum da war. Könnte es sein, dass viele sich „im normalen Leben“ zu viel zumuten, dass mancher Alltag zu „schnell-lebig“ ist und deshalb manches nur an der Oberfläche bleibt? Welches Lebenstempo wäre gut und wie voll darf der Kalender sein, damit meine Seele mitkommt und etwas davon hat?

Vor allem die Wochen, in denen fast alle Geschäfte geschlossen waren, das öffentliche Leben so gut wie ganz ruhte, man möglichst zuhause bleiben sollte, in der das Leben auf ein Minimum und den kleinsten Kreis reduziert war, war eine Zeit, in der wir mehr als sonst auf uns selbst zurückgeworfen waren – eine Zeit intensiverer Selbsterfahrung. Wer sein Erleben in dieser Zeit bewusst wahrgenommen und reflektiert (hat), dem kann einiges über sich selbst und sein Lebenskonzept aufgehen:

  • Wie ging es mit mir der unerwarteten äußeren „Leere“ des Lebens? Habe ich da auch eine innere Leere gespürt?
  • Was an Gefühlen und inneren Regungen kam in mir hoch? Hat sich meine Grundstimmung geändert?
  • Habe ich mich auf die andersartige Situation (gut) einstellen können?
  • Habe ich einen inneren Halt gehabt? Was hat mir Halt gegeben?
  • Als vieles nicht mehr da war und nicht mehr ging: Was hat mir besonders gefehlt? Wonach habe ich mich gesehnt? Was erachte ich für mich als lebensnotwendig? Was brauche ich, um glücklich zu sein? Und was ist, wenn so manches davon weg ist oder nicht mehr möglich ist?
  • Angesichts von Abstand und eingeschränkten Kontaktmöglichkeiten: Welchen Stellenwert für mein Leben hat faktisch das Miteinander mit anderen? Welche Menschen habe ich am meisten vermisst? Fällt es mir schwer, anderen nicht die Hand geben oder sie umarmen zu können? Wie wichtig ist es mir, dass mir mein Körper vielfältige Möglichkeiten gibt, die Beziehung zu anderen entsprechend auszudrücken?
  • Wenn ich an meine persönliche Zukunft und die unserer Gesellschaft und Menschheit denke: Gibt es etwas, was mir in dieser Zeit in seiner Bedeutung dafür neu aufgeleuchtet ist?

Wer die Corona-Zeit und seine Erfahrungen darin reflektiert und auswertet, der kann sie für sich und sein Leben fruchtbar machen. Deshalb kann ich Ihnen nur empfehlen, sich in den nächsten beiden Wochen dafür einmal gut Zeit zu nehmen – die ist sicherlich gut investiert!

Der heilige Ignatius von Loyola, einer der größten spirituellen Lehrmeister, hat gesagt:

„Nicht das Vielwissen (oder Viel-Erleben) sättigt und befriedigt die Seele,

sondern das Verkosten der Dinge von innen her.“2.

Für einen solchen persönlichen Rückblick kann ich Ihnen nur noch einmal empfehlen, ihn in der Weise des „Gebets der liebenden Aufmerksamkeit“ zu tun, einer Gebetsweise, die auf Ignatius von Loyola zurückgeht. Dabei kann es nur gut sein, wenn Sie sich für diese Vergegenwärtigung und Auswertung Ihrer Corona-Erfahrungen eine längere, geschützte Zeit gönnen.

  1. Wahrnehmen, wie es mir jetzt gerade geht.
  2. Mich innerlich auf Gott oder Jesus Christus hin ausrichten, so wie es jetzt möglich ist.
  3. IHN bitten, dass er mir hilft, mich und meine Erfahrungen in der Corona-Ausnahmezeit mit offenen Augen und Ohren und wachem Herzen wahrnehmen zu können.
  4. Auf die vergangenen Wochen zurückschauenund erinnern, was ich (in der Corona-Zeit Anderes oder Besonderes) erlebt habe; darauf achten, was mich jetzt noch bewegt und berührt. Gott schaut liebevoll auf mich und erinnert mich daran, selbst mit Liebe (ohne Wertung und Urteil) zurück zu blicken, wie ich mit anderen – mit Gott – mit mir selbst umgegangen bin.
  5. Ich blicke hin, wo ich Ermutigung – Trost – Hoffnung gespürt habe.
    Ich blicke auch dahin, wo ich Misstrauen – Angst – Entmutigungen gespürt habe.
  6. Bitte – Dank – Klage – Lob ... vor Gott bringen, wie im Gespräch mit einem guten Freund, einer guten Freundin, eventuell beten für ein Anliegen, das sich gezeigt hat, oder für Menschen, die mir in den Sinn kamen.
  7. Vorausschauenauf das, was vor mir liegt, um Kraft, Mut und Beistand bitten.

So wünsche ich Ihnen, dass aus dem, was Sie erlebt haben, tiefere Erfahrungen werden, und dass Gottes Geist Ihnen den Weg zu „Aufatmen“ und Lebensfreude zeigt und eröffnet.

 

Mit einem herzlichen Gruß

Ihr

Christoph Maria Kohl

 

Impuls 12 für die Woche nach dem Fronleichnamsfest,  14.-20. Juni 2020

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1.

In der Gegenwart Jesu Christi und unter seinem Segen leben – damit wir selbst ein Segen sein können

ZuFronleichnamgehört normalerweise die Sakraments-Prozession:Wir tragen Jesus Christusim eucharistischen Brot durch unsere Straßen.Das hat etwas von „Demonstration“ (Das lateinische Wort „demonstrare“ bedeutet: auf etwas hinweisen, vor-zeigen): Wir „halten Jesus Christus hoch“, wir zeigen ihn. Das bedeutet, wir machen öffentlich deutlich, wie wichtig ER uns ist; wir bekennen uns zu Jesus Christus; wir bezeugen Jesus Christus als Brot der Welt.

In der Prozession mit dem eucharistischen Herrn durch unsere Städte und Dörfer kommt Verschiedenes zu Ausdruck:

1. Jesus Christus ist unter uns da, wir leben in SEINER Gegenwart.

2. ER geht mit uns durch unsere Alltags-Welt.

3. ER segnet unsere Stadt und die ganze Schöpfung. ER ist unser Segen - damit wir ein Segen für die Mitmenschen werden.

Das eucharistische Brot ist Zeichen für die Gegenwart des Herrn unter uns. Christ sein bedeutet, dass wir in der Gegenwart Jesu Christi leben. „In IHM leben wir, bewegen wir uns und sind wir“, sagt Paulus (Apg 17, 28).

In einem eucharistischen Hochgebet heißt es: „Ja, du bist heilig, großer Gott. Du liebst die Menschen und bist ihnen nahe. Gepriesen sei dein Sohn, der immer mit uns auf dem Weg ist und uns um sich versammelt zum Mahl der Liebe.“

Wenn wir glauben und spüren, dass Jesus Christus, dass Gott uns nahe ist, dass wir in seiner Gegenwart leben - wie der Fisch im Wasser -, dann lebt es sich anders. Dann können wir uns tief geborgen und getragen fühlen und uns in IHN fallen lassen. Wenn ich die Gegenwart Jesu Christi spüre, kann das eine gewisse Leichtigkeit geben für unsere Schritte und Wege durchs Leben.

Für diese Gegenwart Jesu Christi; dafür, dass wir in seiner Gegenwart leben, ist das eucharistische Brot ein spürbares Zeichen. Brot ist ein Nahrungsmittel, Lebens-Mittel, das wir in uns aufnehmen, damit es uns Kraft gibt. So will Jesus Christus als „Brot … für das Leben der Welt“ (Joh 6, 51) in uns eingehen, damit sein Geist uns erfüllt und wir aus seiner Kraft leben können.

Das Brot der Eucharistie ist DAS Zeichen der Liebe Gottes, die bis zum Äußersten geht: Jesus Christus - Gott, der Mensch geworden ist - Gott, der bis zur Hingabe am Kreuz ganz für uns da ist - Gott, der unter uns als Lebensquelle gegenwärtig ist.

Das oben zitierte Hochgebet führt dann einen Schritt weiter. Es heißt darin: „Du liebst die Menschen und bist ihnen nahe. Gepriesen sei dein Sohn, der immer mit uns auf dem Weg ist.“ Bei der Fronleichnamsprozession erleben wir symbolisch:  Jesus Christus geht mit uns durch unsere Welt. Er geht mit uns in unsere Alltagswelt hinein.

Jesus Christus war voll und ganz Mensch, von der Geburt an bis zum Tod am Kreuz. Er kennt alles Menschliche, alles, was das Leben ausmacht – nicht nur „aus eigener Anschauung“, sondern vom eigenen Erleben her: Er hat alles Menschliche am eigenen Leib mitgemacht, bis zum elenden Tode am Kreuz.

Dieser Jesus, dessen Leben und dessen Botschaft Gott in der Auferstehung bestätigt und erhöht hat; dieser Jesus, die leibhaftige Gegenwart und Liebe Gottes unter uns, geht mit uns. Er ist dabei, wenn wir in unserer Alltagswelt unterwegs sind - auch das symbolisiert die Fronleichnamsprozession durch unsere Straßen.

Und ein Drittes führt uns Fronleichnam, die Prozession, vor Augen: Jesus Christus segnet unsere Stadt und unsere Welt. ER ist unser Segen.

Segen bedeutet: Wir leben in der Gegenwart Jesu Christi, seine Liebe leuchtet über uns und umgibt uns. Gott hält seine schützende Hand über uns und leitet uns auf unseren Wegen, er möchte uns zum „Leben in Fülle“ (Joh 10, 10) führen.

Im Segen identifiziert sich Gott mit uns: Er sagt JA zu uns, zu jeder und jedem von uns. Er sagt JA zu uns gemeinsam als seinem Volk, als seiner Schöpfung. Er spricht uns seine bedingungslose Liebe zu - und Jesus Christus verkörpert diese unendliche Liebe des Vaters. ER, Jesus Christus, ist unser Segen.

So leben wir mit dem Segen Gottes - wir leben als Gesegnete. Und das nicht einfach dazu, dass wir es uns damit für uns gut gehen lassen, sondern, damit wir selbst ein Segen sein können, damit durch uns der Segen Gottes, sein JA und seine Liebe, in unserer Alltagswelt spürbar werden. Genau das ist unsere Sendung als Christen.

So, wie es Pfarrer Lothar Zenetti in einem Gebet ausgedrückt hat:

„Herr, segne uns, lass uns dir dankbar sein,

lass uns dich loben, solange wir leben,

und mit den Gaben, die du uns gegeben,

wollen wir tätig sein.

 

Herr, geh‘ mit uns und lass uns nicht allein,

lass uns dein Wort und dein Beispiel bewahren,

in der Gemeinde deine Kraft erfahren,

lass uns wie Schwestern und Brüder sein.

 

Herr, sende uns, lass uns dein Segen sein,

lass uns versuchen, zu helfen, zu heilen

und unser Leben wie das Brot zu teilen;

lass uns ein Segen sein.“

(Lothar Zenetti, Texte der Zuversicht, München 1972 u. ö., S. 293)

 

2.

Wie können wir das fördern, dass der Segen Gottes und Jesu Christi, den gerade auch das eucharistische Brot symbolisiert, uns mehr erfüllt und uns so zum Segen für die anderen machen kann?

Dazu hilft u.a. auch das Beten in der Weise der eucharistischen Anbetung. In „Reinkultur“ bedeutet das, einfach vor dem Herrn im eucharistischen Brot da zu sein. „ER schaut mich an, und ich schaue IHN an.“ - so soll einmal jemand gesagt haben auf die Frage, warum er immer wieder still vor dem Tabernakel oder der Hostie in der Monstranz dasitzt oder dakniet. Wenn das nicht möglich ist, kann man sich auch einfach innerlich Jesus im eucharistischen Brot vorstellen und anbetend bei IHM sein. Ein moderner Kanon lautet: „Im Anschauen DEINES Bildes, da werden wir verwandelt in DEIN Bild.“ Wenn wir uns betend in Jesus Christus hineinvertiefen, wie ER uns im eucharistischen Brot begegnet, dann werden wir IHM „anverwandelt“, dann prägt ER uns immer mehr mit dem, was das eucharistische Brot symbolisiert, was darin über IHN spürbar wird. Und so kann er jede und jeden von uns immer mehr mit seinem Geist und seinem Segen erfüllen - und wenn uns das geschenkt wird, werden wir fast automatisch unsererseits zum Segen für unsere Mitmenschen und unsere Welt…

 

Dass Ihnen das von Jesus Christus geschenkt wird, immer mehr,

gerade jetzt in den Herausforderungen der Corona-Zeit,

das wünsche ich Ihnen von Herzen!

 

Ihr

Christoph Maria Kohl

 

Impuls 11 zum Dreifaltigkeitssonntag und für die Woche vom 7.-13. Juni 2020

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1.

Was der Dreifaltigkeitssonntag mit den Auswirkungen der Corona-Pandemie zu tun hat

In welcher Grundstimmung gehen Sie derzeit durchs Leben? In dieser Zeit, wo Covid19 unser Leben noch prägt!? Zuversichtlich? Hoffnungsvoll? Kraftvoll? Oder verunsichert? Verzagt? Ängstlich? Wollen Sie vielleicht gar nicht alles wissen, was derzeit in der Luft liegt - und wie es weiter geht?

Das Corona-Virus ist nach wie vor eine ernsthafte Bedrohung, und es kann für die Zukunft durchaus beängstigende Szenarien mit sich bringen: Alle noch notwendigen Einschränkungen des täglichen Lebens; die Auswirkungen des Lockdown der letzten beiden Monate; die absehbaren mittel- und langfristigen Folgen der Pandemie - für Deutschland, für Europa, für die globalisierte Welt. Unsere Welt im Kleinen und Großen wird lange oder auf Dauer sehr anders sein - damit müssen wir rechnen, darauf müssen wir uns einstellen.

Manches ist in der letzten Zeit schon spürbar: Kurzarbeit, Arbeitslosigkeit, Insolvenzen, Mietzahlungs-Schwierigkeiten, Kredite können nicht mehr bedient werden, Menschen kommen an ihre Grenzen.

Womit wir in Zukunft rechnen müssen: Die wirtschaftliche Erholung wird lange dauern; es wird nicht wieder einfach so werden wie vorher. Die schwindelerregenden Schuldenberge, die von den Kommunen bis auf Europa-Ebene angehäuft werden, werden zu dauerhaften Einschränkungen der möglichen Leistungen der öffentlichen Hand führen. Es kann sein, dass eine ganze Epoche des selbstverständlichen Wohlstandes zu Ende geht. Zudem steht Europa auf dem Prüfstand: Ohne Solidarität kann es zerbrechen. Und die ungleiche Verteilung der Lebenschancen auf dem Globus nimmt noch weiter zu - was zu starken Wanderungsbewegungen führen kann.

Das bedeutet auch: Das bisherige, gewohnte, selbstverständliche Lebenskonzept vieler Menschen geht in Zukunft so nicht mehr.

Die meisten hoffen, dass es wieder so wird wie vorher; viele können und wollen nicht wahrhaben, was anders sein wird - weil sie das zu sehr verunsichern würde.

Wie reagieren wir als Christen / als Glaubende?

Am Dreifaltigkeitssonntag feiern wir, dass Gott dreieinig ist. Das bedeutet, dass Gott DIE LIEBE ist, dass er nicht nur uns seine Liebe schenkt, sondern dass er in sich Liebe und Beziehung ist - als Vater, Sohn und Heiliger Geist. Er zieht uns in seine Liebe hinein - das ist der Weg zu unserem Lebensglück und unserer Vollendung.

Dass Gott DIE LIEBE ist, das heißt ganz grundlegend: Er nimmt jede und jeden bedingungslos so an, wie sie/er ist - mit allen Schwächen, Grenzen, Fehlern und Sünden, als unvollendetes Bruchstück. Glauben heißt: Ich lebe in der Gewissheit, dass ich von Gott bedingungslos geliebt und angenommen bin - so, wie ich bin. Das schenkt nicht nur Geborgenheit und Halt. Das ermöglicht, dass ich mich selbst so annehmen kann, wie ich bin - auch wenn ich alles andere als vollkommen bin. Wer sich selbst immer mehr annehmen kann, wie er ist, der kann die anderen immer mehr so lassen und annehmen, wie sie sind UND der kann die Wirklichkeit immer besser so sehen und nehmen, wie sie ist - ohne sie zu beschönigen, ohne sich etwas vormachen zu müssen, ohne wegzusehen.

Und das ist die Voraussetzung dafür, dass wir als Christen gut mit der Wirklichkeit umgehen und unsere Welt mitgestalten können - das ist ja unsere Aufgabe, unsere Sendung als Christen und als Kirche. Ich bin überzeugt: Wir haben den Menschen - der Gesellschaft - der Welt etwas zu geben, etwas Entscheidendes für das persönliche und gesellschaftliche Leben, für die globale Gesellschaft, gerade jetzt und in der nächsten Zeit. Wir als Glaubende sind höchst „systemrelevant“! Aber diese Relevanz müssen wir auch faktisch erweisen. Gemäß z.B. dem Leitspruch der Caritas: „Not sehen und handeln“. Oder im Sinn der Bistums-Aktion „Gutes Leben für alle“ (www.bistum-speyer.de/bistum-speyer/weltkirche/gutes-leben-fuer-alle/).

Die Grundlage, die Voraussetzung dafür ist, dass wir die Wirklichkeit so sehen können, wie sie ist; dass wir uns nichts vormachen; dass jede/r sich selbst so sehen und annehmen kann, wie sie oder er ist - weil Gott uns schon längst angenommen hat und jeden Tag bedingungslos liebt, weil Gott für uns und in sich DIE BEDINGUNGSLOSE LIEBE ist.

Dieses Glaubensgeheimnis, dieses Gottesbild leuchtet heute am Dreifaltigkeitsfest auf und möchte uns aufrichten und stärken - damit wir in und von der Liebe Gottes leben können und damit wir unsere Sendung als Christen und als Kirche gut verwirklichen können.

 

2.

Es gibt ein kurzes, dichtes Gebet zum dreifaltigen Gott, mit dem man eine bestimmte Weise zu beten gut einüben und leicht praktizieren kann.

 

„Liebe

die in sich ruht

Liebe

die sich verströmt

Liebe

die sich empfängt

Liebe

nur Liebe

bist du

Dreifaltiger Gott“

(aus: Anton Rotzetter, Gott, der mich atmen lässt.

Gebete. Herder-Verlag Freiburg, 1985 u.ö., S. 253)

 

Ich vertiefe mich gerne meditativ betend in Gott hinein, indem ich „auf den Atem bete“. Indem ich im Rhythmus des Atems, mit dem Einatmen und Ausatmen, ein paar wenige Worte innerlich sage und mich in deren Geist hinein vertiefe. Wenn ich das eine Zeitlang mit den gleichen wenigen Worten tue, dann kann es sein, dass ich „tiefer als der Kopf“, als die Ebene der Gedanken, komme; dass die Worte mit der Zeit wegfallen und dass ich dann einfach im Geist und in der Kraft dessen, was diese Worte bewirken, dasitze. Dann wird das im Gebet anfänglich Gesagte zur inneren Haltung und stärkt ganzheitlich.

Für diese Gebetsweise eignen sich viele kurze Bibelworte. Mit dem Gebet von Anton Rotzetter zum dreifaltigen Gott geht es besonders gut: Auf das Einatmen „Liebe“ bzw. dann „bist du“, auf das Ausatmen die eingerückte folgende Zeile innerlich sprechen - und sich dadurch ganzheitlich-meditativ in diese Liebe bzw. den Gott der Liebe hineinführen lassen.

Ich wünschen Ihnen zum Dreifaltigkeitssonntag, dass Sie beim Beten und im Alltag diesen Gott der Liebe spüren - und dadurch auch immer mehr selbst Werkzeug seiner Liebe werden!

 

Ihr

Christoph Maria Kohl

 

Impuls 10 für die Pfingst-Woche, 31. Mai - 6. Juni 2020

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1.

In der anstrengenden Corona-Zeit kräfteschonend und in Leichtigkeit leben:

„Sich dem Wehen des Heiligen Geistes gut anschmiegen“

„Ich wünsche Dir, dass Du Dich dem Wehen des Heiligen Geistes gut anschmiegen kannst.“ Das klingt ungewohnt. Aber mir ist immer mehr aufgegangen, wie sehr das das Leben schön macht. Und deshalb habe ich es in jüngster Zeit öfter am Ende eines Briefs oder einer Mail dem Empfänger als Wunsch mitgegeben:

„Ich wünsche Dir, dass Du Dich dem Wehen des Heiligen Geistes gut anschmiegen kannst.“

Wie bin ich darauf gekommen? Durch ein Erlebnis im Sommer 1987, als ich in einem Alpental in der Nähe von Innsbruck Exerzitien gemacht habe. Da waren Greifvögel in der Luft, ein Adler, Bussarde. Große, majestätische Vögel, und sie fliegen genauso majestätisch.

Sie ziehen in aller Ruhe ihre Runden. Sie schrauben sich langsam hoch, wie auch die Segelflugzeuge. Sie gleiten einfach so dahin, wie schwerelos, ganz ohne Anstrengung. Ihr Geheimnis: Sie „legen sich in den Wind“, sie lassen sich tragen. Ein paar kleine Flügelbewegungen zur Richtungskorrektur, das reicht - kein kräfteraubendes Flügelflattern. Auf diese Weise können sie ganz ohne Anstrengung lange in der Luft sein. So gewinnen sie Höhe und Weite, und sie können ihren Flug richtig genießen.

Wenn sie „gegen den Wind“ anfliegen würden: Das wäre kräfteraubend, sie wären bald erschöpft, der Flug wäre schnell vorbei - und würde keinen Spaß machen. Das wäre der „Machen-Modus“: „Ich muss es machen. Es hängt von meiner Anstrengung ab; es kommt auf meine Leistung an“.

Die Greifvögel fliegen im Lassen-Modus: Sie lassen sich tragen und vorwärts treiben. Dadurch spiegeln sie „die Leichtigkeit des Seins“ wider. Es geht alles leicht, es fließt wie von selbst.

So habe ich die Greifvögel fliegen sehen - und ich habe dabei in mir die Sehnsucht gespürt: Genau so leben - das wäre es! Oder zumindest etwas mehr davon - das würde mir gut tun.

Und dann habe ich im Laufe der Jahre erfahren: Das geht! Das geht, wenn wir uns dem Wehen des Heiligen Geistes anschmiegen.

Das Pfingstereignis in Jerusalem (Apg 2, 1-13) war etwas ganz Außergewöhnliches: Brausen wie ein Sturm, Zungen wie von Feuer, alle Leute, gleich welcher Nation und Sprache, verstehen die Apostel. Das war die Initialzündung, die der Heilige Geist vorgenommen hat. Er hat durch dieses Event deutlich zu verstehen gegeben: „Ihr dürft mit mir rechnen!“

Aber der Heilige Geist wirkt nicht nur im Großen - im Außergewöhnlichen, in besonderen Augenblicken. Der Heilige Geist wirkt und weht immer - in dem vielen Kleinen, das unser Leben ausmacht. So haben es die ersten Christen in ihren Gemeinden erfahren, so können wir es heute erfahren.

Der Heilige Geist öffnet uns für Jesus Christus und für seine Frohe Botschaft. Er spricht zu uns durch die Heilige Schrift. Er lässt uns beim Beten seine Nähe spüren. Er zieht uns in die Liebe Gottes hinein und gießt sie über uns aus. Er fördert die Gemeinschaft mit Gott und untereinander, auch im Gottesdienst.

Er stiftet Gemeinschaft und verbindet Menschen. Er schenkt Worte, die heilen und versöhnen. Er öffnet unsere Sinne für die Schönheit der Schöpfung. Er erfüllt uns immer wieder neu mit der Freude am Leben. Er schenkt uns Zeiten des Aufatmens - und Begegnungen, bei denen uns das Herz aufgeht.

Und er schenkt uns seine Gaben - Fähigkeiten, mit denen wir die Menschen und das Leben fördern können.

Deshalb können wir ihn besonders gut spüren in Menschen, die ihre Geistes-Gaben und ihre Zeit für andere und für Gott einsetzen. Durch Menschen, die für etwas „Feuer und Flamme“ sind, in denen eine Leidenschaft steckt, die für etwas brennen und dadurch andere anstecken. Das Wirken des Geistes Gottes ist erfahrbar durch Menschen, die etwas ausstrahlen. Menschen, die begeistert sind - und andere begeistern. Menschen, die mich durch ihr Engagement mitreißen. In ihnen kommt das Wehen und Wirken des Heiligen Geistes besonders gut heraus.

Mit der Musik ist es ähnlich wie mit dem Heiligen Geist. Sie geht uns zu Herzen. Sie spricht unser Inneres an. Sie spielt uns das zu, was uns bewegt und beschwingt. Die Musik verbindet uns mit den Quellen des Lebens - und sie verbindet uns miteinander.

Wir können uns gemeinsam auf die Musik einschwingen, können uns von ihr tragen und beleben lassen. So spiegelt die Musik das Wehen des Heiligen Geistes wider. Wer sich auf die Musik einlässt, der kann sich dann auch leichter auf den Heiligen Geist einlassen.

Darin besteht die Kunst des Christseins: Sich dem Wehen des Heiligen Geistes anzuschmiegen - mich vom Heiligen Geist tragen und bewegen lassen, wie sich die Greifvögel dem Wehen des Windes anschmiegen.

Dafür ist nur notwendig, dass ich dem Heiligen Geist vertraue; dass ich den Mut habe, mich „in den Wind zu legen“, d.h. mich von ihm tragen und führen zu lassen. Dass ich ihm die Führung überlasse, mich auch von ihm überraschen lasse - also lebe im „Lassen-Modus“.

Je mehr Sie ein Gespür für das Wehen des Heiligen Geistes entwickeln, desto mehr wird das Leben eine wunderbare Entdeckungsreise. Das eigene Erleben wird immer intensiver. Sie bekommen eine Ahnung vom „Leben in Fülle“ (Joh 10, 10), das Gott uns schenken möchte; von dem, was Sie innerlich wirklich erfüllt.

Und das geschieht sozusagen „powered by God“, es fließt aus Gottes Kraft - es kommt dabei nicht auf eigene Anstrengung und Leistung an, weil der Heilige Geist uns beflügelt.

Und damit Sie das selbst erleben können, hätte ich einen Vorschlag:

Spüren Sie in der nächsten Zeit einmal nach:

  • Was trägt mich?
  • Was beflügelt mich?
  • Was gibt mir Kraft?
  • Was gibt mir neuen Schwung?
  • Wer steckt mich an und reißt mich mit?
  • Wo geht mir das Herz auf?
  • Wo erlebe ich etwas von der „Leichtigkeit des Seins“, dass es wie von selbst fließt?

In alldem trägt und beflügelt Sie der Heilige Geist!

Wenn Sie das bewusst wahrnehmen und verkosten, wenn Sie sich so „ gut in den Wind hineinlegen“ wie die Greifvögel, dann kann das Leben etwas von der Leichtigkeit gewinnen, die sie uns vor Augen führen.

Und deshalb möchte ich auch Ihnen zu Pfingsten diesen Wunsch zurufen:

„Ich wünsche Ihnen, dass Sie sich dem Wehen des Heiligen Geistes gut anschmiegen können.“

2.

Wenn Sie mitten im Alltag etwas von dem erleben, was ich angedeutet habe, dann kann ein „Stoßgebet“ gut tun. Ein Stoßgebet ist ein Gebet, das aus dem Augenblick und aus dem Herzen, aus dem spontanen Erleben heraus entspringt (im Laufe der Zeit wie von selbst!). Wenn ich z.B. etwas Schönes und Wohltuendes erlebe, dann kann das ein Gefühl oder auch einen Gedanken in mir auslösen - Freude, Dankbarkeit, einen inneren Jauchzer, ein „Wow!!!“, einen Moment von Frieden und Erfülltsein. Wenn ich das, was da spontan in meinem Inneren aufsteigt, zu Gott aufsteigen lasse, „zum Himmel werfe“, dann ist das ein Stoßgebet. Es verbindet mein Er-Leben mit Gott als der Quelle allen Lebens - und ER kann es vertiefen und mich weiter erfüllen.

Dass Gott Sie und Ihr Leben so durch seinen Heiligen Geist trägt, beflügelt und erfüllt, das wünsche ich Ihnen zu Pfingsten von Herzen!

 

Ihr

Christoph Maria Kohl

Impuls 9 für die Woche vom siebten Sonntag der Osterzeit, 24. bis 30. Mai 2020

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1.

Verstärkt durch die Corona-Bedrohung: „Mitten wir im Leben sind mit dem Tod umfangen“ (Gotteslob-Lied Nr. 503) - aber auch vom Gott des Lebens gehalten

„70-Jähriger Speyerer erliegt in Krankenhaus Covid-19“ - so springt mir eine Titelzeile aus der Zeitung vom Samstag, 21. Mai 2020, entgegen. In derselben Ausgabe: „Super-Zyklon  ‚Amphan‘ zerstört Lebensgrundlage von Millionen“. Tote gab es diesmal nicht so viele; aber „1991 wurden in Bangladesch fast 140.000 Menschen durch von einem Zyklon ausgelöste Tornados und Überschwemmungen getötet.“ Bisher sind wir von solchen todbringenden Katastrophen verschont geblieben. Aber mit dem Corona-Virus hat sich plötzlich eine unheimliche Gefahr für Leib und Leben in unsere Gesellschaft eingeschlichen. Mir sind die gruseligen Bilder der aufgereihten, in Kühllastern gestapelten und auf Militärlastern abtransportierten Särge v.a. in Bergamo und New York noch gut vor Augen. Durch die tückische Krankheit sind wir mehr mit Tod und Sterben konfrontiert als sonst im Alltag.

Damit das keine Ängste auslöst, die lähmen und blockieren, ist es hilfreich, sich mit diesem Thema existentiell auseinanderzusetzen - und zwar in einer österlichen Perspektive. Auch alle Christen, alle Glaubenden müssen sterben. Aber im Licht von Erlösung und Auferstehung erscheint der Tod nicht einfach nur als brutales Ende des Lebens. Bei zwei Menschen, die ich auf der letzten Wegstrecke ihres Lebens begleiten durfte, habe ich besonders intensiv erlebt, dass sie als österliche Menschen dem Tod entgegengegangen sind - eine Erfahrung, die sich tief in mich eingeprägt hat.

Auch wenn der Tod das Ende unseres irdischen Daseins bedeutet, freue ich mich auch auf die große Begegnung mit Gott am Ende des Lebens.

Ich glaube, dass ich im Augenblick meines Todes vor Gott erscheinen werde. Er erwartet und empfängt mich. Ich stehe vor ihm, und er schaut mich an. Er schaut mich so an, wie es der Segen Aarons erfleht: „Der Herr lasse sein Angesicht über dich leuchten und sei dir gnädig. Der Herr wende sein Angesicht dir zu und schenke dir Frieden“ (Num 6, 25-26). Und unter diesem unendlich liebevollen und gütigen Blick geht mir vollends auf, wie gut es Gott schon immer mit mir gemeint hat. Und wie ein Film im Zeitraffer-Tempo läuft mein Leben vor meinem inneren Auge ab. Ich sehe das, was Gott in mir angelegt hat, damit es sich entfalten kann; ich sehe, was ich daraus gemacht habe - und wo ich nur ein Schatten meiner selbst geblieben bin. Ich sehe alle Momente des Glücks und alle Zeiten der Erfüllung - und auch, wo ich mich selbst um das Leben gebracht habe, das Gott mir schenken wollte. Dankbarkeit und Freude durchströmen mich, aber auch Enttäuschung und Schmerz über all das, wo ich Bruchstück geblieben bin. Mir kommen Tränen der Trauer und Wehmut über das nicht gelebte Leben, das um mich herum und in mir da war, das ich aber nicht für mich fruchtbar machen konnte. Ich bin erfüllt von Scham und Reue angesichts der Liebe, die ich nicht in mich aufnehmen, erwidern oder weiterschenken konnte. Doch dabei spüre ich, dass Gott mich schon längst in seinen Armen hält und liebevoll an seine Brust drückt, und dass von seinem barmherzigen Blick und von seinem Herzen eine Wärme ausgeht, die alle inneren Wunden heilt und allen Schmerz verwandelt. „Der Herr lasse sein Angesicht über dich leuchten und sei dir gnädig. Der Herr wende sein Angesicht dir zu und schenke dir Frieden.“ Das erlebe ich jetzt: „Fegefeuer“ als die Wärme der Liebe Gottes, die alles Unheile in mir „ausbrennt“, verwandelt; Gericht als tiefen Schmerz und Reue über die verpassten Lebenschancen, die Gott mir schenken wollte, und Gericht, insofern Gott mich auf-richtet und her-richtet für sein großes Fest, in das alles Leben einmündet.

So ähnlich stelle ich mir die Begegnung mit Gott im Tod vor.

Und für meine Lebenszeit freue ich mich, dass ich auch jetzt schon unter diesem gütigen Blick Gottes leben darf, den ich dann einmal ganz verkosten darf: „Der Herr lasse sein Angesicht über dich leuchten und sei dir gnädig. Der Herr wende sein Angesicht dir zu und schenke dir Frieden.“

Wer Tod und Sterben in dieser Glaubens-Perspektive sehen kann, der kann dann auch besser, nämlich mit der Hoffnung eines Erlösten, damit umgehen, dass wir derzeit mehr mit dem Sterbenmüssen konfrontiert und bedroht sind als sonst. „Mitten wir im Leben sind mit dem Tod umfangen“ (Gotteslob Nr. 503) - ja, aber genau darin begegnet und hält uns der Gott des Lebens.

2.

Der Franziskanerpater Anton Rotzetter hat ein empfehlenswertes Buch mit Gebeten zu Themen des Lebens und Glaubens geschrieben (Anton Rotzetter, Gott, der mich atmen lässt. Gebete. Herder-Verlag Freiburg 1985 u.ö.). Dort steht auf S. 161 dieses Gebet, das das Alter im Blick hat, aber auch grundsätzlicher gilt:

 

„Mitten im Leben

der unausweichliche Tod

Mitten in der Kraft

das sichere Ende

Mitten in der Freude

die unerbittliche Grenze

Mitten in der Arbeit

die drängende Zeit.

 

Gott

lass mich der Wahrheit meines Lebens begegnen.“

 

Wer dieses Gebet für sich selbst spricht, der kann erleben, dass sich dadurch innerlich manches lösen kann.

Und wenn Ihnen der Mut dazu geschenkt wird, empfehle ich Ihnen, einmal so zu beten: Lassen Sie in einer ruhigen Stunde in Ihnen aufsteigen, wie es Ihnen bei der oben geschilderten letzten großen Begegnung mit Gott gehen würde, wenn Sie sie jetzt erleben würden; was Ihnen dann über Ihr Leben kommen würde und was Sie dann Gott sagen und von ihm erhoffen würden.

Wer sich in die Begegnung mit Gott im Tod hineinversetzt, wird dadurch auch empfänglicher für das gottgeschenkte Leben im Hier und Heute. Vom Ende, von der Vollendung her betrachtet, wird das Leben insgesamt intensiver und erfüllter!

So wünsche ich Ihnen, dass Gott Ihnen immer mehr diese österliche Lebensperspektive eröffnet!

 

Ihr

Christoph Maria Kohl

Impuls 8 für die Woche vom sechsten Sonntag der Osterzeit, 17.-24. Mai 2020

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1.

Worauf es entscheidend ankommt, dass es uns in der Corona-Zeit und danach gut geht: Spürbare SOLIDARITÄT

Wenn man krank ist und Schmerzen hat, wenn man Sorgen hat oder in einer persönlichen Krise ist, dann erfordert das Aufmerksamkeit, dann ist man mehr als sonst mit sich selbst beschäftigt – und die Gefahr wächst, dass der Blick für die anderen eingeschränkt ist, bis dahin, dass man um sich selbst kreist. Das gilt nicht nur für Einzelne, sondern auch für Gruppierungen und für die Gesellschaft als ganze, wenn sie in einer Krisenzeit sind.

Die Corona-Pandemie bringt diese Gefahr auch mit sich. Sie erfordert unsere Aufmerksamkeit und dass wir uns gut darauf einstellen. Je mehr jemand aber Sorgen hat um seine Gesundheit, um die finanzielle Zukunft der Familie, um seinen Arbeitsplatz, wegen der eingeschränkten Lebensmöglichkeiten usw., je mehr Ungewissheit, Verunsicherung und Angst um sich greifen, desto größer ist die Gefahr, dass das im Blick ist – und vieles und viele andere aus dem Blick geraten. Eine solche oft unmerkliche Horizont-Verengung hat aber ungute Folgen für alle.

Denn darunter leidet genau die Grundhaltung, ohne die wir die Krise und die Zeit danach nicht bestehen können: die Solidarität. Dieses Fremdwort wird meist mit „Zusammengehörigkeitsgefühl, Gemeinsinn“ übersetzt. Als Grundpfeiler der katholischen Soziallehre meint es aber mehr. Zu Solidarität als Grundhaltung gehört:

  • Empathie: Die Situation mit den Augen der anderen sehen; sich in diejenigen hineinversetzen, denen es in verschiedener Hinsicht schlechter geht als mir;
  • Com-passio: Mit-fühlen, Mit-leiden (das ist etwas anderes als „Mitleid“ im Sinn von wirkungslosem Bedauern!);
  • aktives Anteilnehmen daran, wie es den anderen geht, vor allem denen in Schwierigkeiten und Notlagen;
  • an diejenigen denken und denen wirksam beistehen, die irgendeine Art von Hilfe nötig haben, die benachteiligt - in Not - hilflos sind;
  • mit denen teilen, die sonst nicht gut durchs Leben kommen würden;
  • als „Stärkere“ den „Schwächeren“ helfen (statt sie in ihrer Bedürftigkeit allein zu lassen oder gar davon zu profitieren, also sie auszunutzen);
  • soziale und weltweite Gerechtigkeit: „Gutes Leben für alle!“ (Titel einer Kampagne des Katholikenrats und Bistums Speyer zusammen mit MISEREOR).

In der jetzigen Pandemie-Zeit und in der Phase danach mit all den Herausforderungen, die sie mit sich bringen wird, ist SOLIDARIATÄT mehr gefragt denn je. Ja, ohne spürbare, wirksame Solidarität, vom privaten Lebenskreis bis weltweit, wäre unser Leben dauerhaft sehr beeinträchtigt.

Umgekehrt birgt die Corona-Krise in sich die Chance, dass aufleuchtet, wie sehr wir aufeinander angewiesen sind, wie wichtig Solidarität ist.

Schon das Abstand-halten und das Tragen einer Mund-Nase-Maske sind Ausdruck von Solidarität - mit denen, die vom Virus stärker bedroht sind. Einkaufen für Ältere und neu aufgelebte Nachbarschaftshilfe sind Zeichen von Zusammengehörigkeitsgefühl – und verstärken es!

Bei den Super-Reichen in unserer Gesellschaft ist ihre Solidarität mit den Mitbürgern und Betrieben, die es arg gebeutelt hat, jetzt besonders gefragt.

Und ohne eine weltweit bessere Verteilung der Lebenschancen leiden Millionen von Menschen – und gefährden wir selbst unseren eigenen Wohlstand.

Pfarrer Pirmin Spiegel, der Hauptgeschäftsführer von MISEREOR, der aus unserer Diözese stammt und mit dem ich befreundet bin, hat mir geschrieben:

„Zeiten wie diese sind Knotenpunkte der Entwicklung. Jede Krise birgt Chancen oder eben Gegenteiliges in sich. Risikoexperten sagen, dass sich Dynamiken wechselseitig verstärken und großen Schaden anrichten können.

Was es zu verhindern gilt: Wir mögen uns das gar nicht vorstellen, welche humanitären Katastrophen Corona in afrikanischen und anderen armen Ländern anrichten könnte, deren Gesundheitssystem schwach sind, in denen viele Menschen in Slums auf engstem Raum zusammenleben und in denen es keine sozialen Absicherungsmechanismen gibt. Oder denken wir an Flüchtlingslager, z.B. in Idlib. Da ist fast alles prekär, und es mangelt an Hygiene, sauberem Wasser, Desinfektionsmittel, Schutzkleidung, Sicherheit, Unterkünften...  Krankenhäuser sind zerbombt. Wir wissen, dass ökonomische und soziale Zusammenbrüche und Gewalt dazu führen, dass ganze Staaten scheitern. Humanitäre Desaster werden dann zu Fragen der internationalen Sicherheit.“

Wenn, verstärkt durch die Corona-Auswirkungen, in den armen Ländern ganze Volkswirtschaften in die Knie gehen und die Menschen nicht mehr wissen, wie es weitergehen soll, dann kann es zu bisher nie dagewesenen Wanderungsbewegungen kommen. Wer kann es einer Mutter in der Sahel-Zone verdenken, wenn sie sich Richtung Europa aufmacht, weil sie nicht möchte, dass ihre Kinder elend verhungern!

Durch die Corona-Auswirkungen jetzt und in Zukunft wird wie durch ein Brennglas verstärkt deutlich: Es kommt entscheidend auf unsere Solidarität im Kleinen und im Großen an, wenn wir auch in Zukunft alle miteinander ein Leben in Frieden und Wohlstand führen wollen.

 

2.

Beten beim Zeitungslesen

Auf den Zeitungsseiten kommt mir jeden Morgen vieles von dem vor Augen, was in unserer Welt gerade los ist. Die aktuellen politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen, die internationale Lage, die Krisenherde der Welt; Unglücke, Katastrophen, Verbrechen. Und das, was sich in unserer Stadt und Region alles abspielt. Dabei kommen immer auch persönliche Schicksale in den Blick, Menschen, die es im Leben nicht leicht haben.

Das alles serviert mir die Zeitung bereits zum Frühstück. Dann ist die Frage, mit welchem Blick, mit welcher Einstellung ich all das lese. Was es in mir auslöst. Ich kann es sensationslüstern konsumieren. Ich kann es teilnahmslos zur Kenntnis nehmen. Ich kann aber auch innerlich Anteil nehmen an dem, was passiert ist, was Menschen widerfahren ist.

Wenn das Zeitunglesen mit einem Mitgefühl mit den betroffenen Menschen geschieht, dann ist der Weg zu einem Gebet nicht mehr weit. Dann steigt ab und zu fast von selbst ein innerer Seufzer zum Himmel – über das, was geschehen ist. Dann kommt aus dem Herzen das eine oder andere Stoßgebet, eine spontane Bitte für die Menschen, die in der Zeitung erwähnt sind. Dann ergeben sich beim Lesen fast automatisch Fürbitten für unsere Welt und für die Menschen, Bitten um den Beistand Gottes dort, wo Not herrscht.

So animiert mich die Zeitung jeden Tag dazu, bestimmte Menschen Gott besonders ans Herz zu legen. Und das Gebet für sie verbindet mich dann auch innerlich mit ihnen und mit Gott. Beim Zeitunglesen beten – diese Chance möchte ich mir nicht entgehen lassen.

Probieren Sie es mal aus!

Mit einem herzlichen Gruß

 

Ihr

Christoph Maria Kohl

Impuls 7 für die Woche vom fünften Sonntag der Osterzeit, 10.-16. Mai 2020

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1.
Zurück zur früheren „Normalität“ – oder Chance für ein bewussteres Leben?

Am Freitag, 8.5.2020, steht auf der Wirtschaftsseite der „Rheinpfalz“: „Viele Verbraucher wollen ihr Verhalten aufgrund der Corona-Krise ändern. Sie wollen auch nach Abflauen der Pandemie weniger reisen, seltener ins Kino oder in Konzerte gehen und sie wollen einen Bogen um öffentliche Verkehrsmittel machen. Das geht aus einer am Donnerstag veröffentlichten repräsentativen Umfrage des Marktforschungsunternehmens McKinsey hervor. … Rund 30 Prozent kündigten an, künftig weniger Geld für Luxusprodukte oder überflüssige Einkäufe ausgeben zu wollen. …“

Das bedeutet offensichtlich, dass manche Gewohnheiten von vor der Corona-Krisenzeit jetzt überdacht und neu bewertet werden – mit konkreten Folgen für das Alltagsverhalten. Ist das nicht eine Chance dieser unseligen Pandemie? Die Chance, einmal innezuhalten, manches zu überdenken, bewusster zu leben, ja noch mehr MEIN Leben zu führen statt mit dem mitzuschwimmen, wie „man“ in unserer Gesellschaft so lebt?

Vieles an Lebensgewohnheiten, die so selbstverständlich zum Leben dazugehört haben, dass einem das gar nicht mehr bewusst war, sind in den letzten Wochen weggebrochen, unmöglich geworden. Dadurch ist ein äußerer und innerer Leerraum entstanden – der aber auch ein Freiraum ist. Einerseits vermissen wir vieles schmerzlich. Andererseits entsteht auch eine hilfreiche Distanz zu manchem, die es erlaubt, es mal in den Blick zu nehmen und neu Stellung dazu zu nehmen.

 

Interessant bei der zitierten Umfrage ist ja z.B., dass viele jetzt erkennen, dass Sie in der Vergangenheit bei „überflüssigen Einkäufen … Luxusprodukte“ erworben haben – und in Zukunft darauf verzichten wollen (und können!).

So gesehen liegen in der Corona-Ausnahmesituation Fragen in der Luft, die sich sonst vielleicht nicht so deutlich oder bedrängend stellen. Und es kann nur gut sein, sich diesen Fragen zu stellen und sich persönlich (oder als Familie) damit auseinanderzusetzen:

•    Was hat mir in den vergangenen Wochen gefehlt? Was habe ich (in den verschiedenen Dimensionen des Lebens) schmerzlich vermisst?

•    Was ist mir für mein Leben unverzichtbar wichtig?
•    Was brauche ich, damit es mir gut geht?
•    Wovon erhoffe ich mir konkret, dass es mich glücklich macht?

•    Woran hängt mein Herz?

•    Worauf kann ich ohne Verlust für mein Lebensglück verzichten?
•    Gibt es Überflüssiges, „Luxus“, ja Ballast (an Materiellem und Lebensgewohnheiten), das ich vermeintlich brauche, damit es mir gut geht?

•    Was ist das Wesentliche in meinen Leben und für mein Leben?

•    Worauf möchte ich verzichten, was möchte ich anders machen, damit mein Leben bewusster, intensiver, sinnvoller, erfüllender wird?

•    Gönne ich mir „meinen Lebensstil“? Was zeichnet ihn – und von daher mich! – aus?

•    Worauf soll es mir / uns in meinen Leben wirklich ankommen? Von welchen Zielen und Werten soll mein Leben faktisch geprägt sein?

•    Was möchte ich konkret ändern?


Wer sich diese Fragen stellt – und wer sich diesen Fragen stellt (denn sie können „ans Eingemachte gehen“) –, der kann für sein Leben und für seine Persönlichkeit nur gewinnen.

 

Zumal er dann einer Gefahr entgeht, die ganz generell, unabhängig von der Corona-Ausnahmesituation, lauert: Viele Menschen merken nicht, dass sie selbst ihr Lebensglück an diverse Bedingungen knüpfen; dass sie ihr Wohlergehen von allem Möglichen abhängig machen. Unbewusst funktioniert das dann nach dem Schema: „Genauso muss es in meinem Leben sein, damit ich glücklich sein kann.“ „Wenn ich nicht dies oder jenes bin oder hinbekomme, dann kann ich mit mir nicht zufrieden sein.“ „Wenn ich das eine oder andere nicht habe, kann es mir nicht gut gehen.“ Wieso eigentlich nicht? Weil ich das so festgelegt habe! Weil ich selbst mein Lebensglück davon abhängig gemacht habe!  

Es gibt aber keine objektive Gesetzmäßigkeit oder Vorgabe, was nötig ist, damit ich richtig glücklich und zufrieden sein kann. Eine blinde Frau in meinem Freundeskreis hat mir gesagt, dass sie rundherum glücklich ist – und das kann ich ihr auch abnehmen. 100% lebensfroh, obwohl jemand stark gehandicapt ist – das geht also. Schade, wenn jemand sein Lebensglück unnötigerweise von allem Möglichen abhängig macht – und es damit vermindert oder verpasst. „Die Freude steckt nicht in den Dingen, sondern im Innersten unserer Seele“ sagt Therese von Lisieux, einer meiner Lieblingsheiligen.

Deshalb ist es gut, wenn ich dahinterkomme, welche heimlichen Bedingungen für mein Wohlergehen sich bei mir eingeschlichen haben. Und es ist förderlich für mein Lebensglück, wenn ich bewusst entscheide, was mir für mein Leben wichtig ist.

2.
Das „Seelennebelgebet“

Wenn die frisch gepflügten Felder im Frühjahr oder Herbst im Licht der Morgensonne daliegen, dann sieht man gelegentlich aus diesen Feldern Nebelschwaden aufsteigen, die von Sonnenstrahlen durchflutet sind. Danach hat P. Willi Lambert SJ, Lehrmeister der ignatianischen Spiritualität, eine Gebetsform benannt: Das „Seelennebelgebet“ (in: Willi Lambert, Gebet der liebenden Aufmerksamkeit, Paulinus-Verlag Trier, 2010 u.ö., S. 44-45).

Am besten legt man sich dazu ausgestreckt auf den Boden, auf eine Liege oder auf das Bett – ausgestreckt wie ein kleines Stück Land. Und dann pflügt man mit einer Frage oder einem Wunsch sein Inneres auf und lässt die Nebel, Gefühlsnebel und Wunschnebel und Gedankennebel, die da kommen, einfach emporsteigen. Sie können dann ähnlich wie die Nebel über den Feldern „nach oben wegdampfen“.

Man kann sich so auch den o.g. Fragen öffnen und dazu das kommen lassen, was kommt. Alles aufsteigen und zur Ruhe kommen lassen in Gott, von dem der Beter des Psalms 139 singt und schreibt:

 „Herr, du hast mich erforscht und du kennst mich.
Ob ich sitze oder stehe, du weißt von mir.
Von fern erkennst du meine Gedanken.
Ob ich gehe oder ruhe, es ist dir bekannt.
Du bist vertraut mit all meinen Wegen.“        (Ps 139, 1-3)


Dass Sie so sich selbst und Gott näher kommen,
das wünsche ich Ihnen von Herzen!

Ihr
Christoph Maria Kohl

Impuls 6 für die Woche vom vierten Sonntag der Osterzeit, 3.-9. Mai 2020

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1.

Wie mit Spannungen umgehen

Entspannung steht hoch im Kurs. Kein Wunder. Bei vielen wird das Leben immer stressiger. Die momentane Situation tut das ihre dazu. Da ist es gut, dass es ganz unterschiedliche Methoden zur Entspannung gibt.

Dabei helfen soll auch spezielle Musik zum Runterkommen. Die funktioniert bei mir aber nicht – ich komme dadurch nicht wirklich zur Ruhe. Das wundert mich nicht. Manche Entspannungs-Musik ist ganz getragen, sie plätschert ohne jegliche Dynamik vor sich hin. Sie vermeidet die Spannungsbögen, die sonst zur Musik gehören. Es gibt kein Auf und Ab von Bewegung und Lautstärke, das die Musik ausmacht. Genau dadurch aber verfehlen die Wohlfühl-CDs ihr Ziel. Wirksame Entspannung tut nicht so, als ob es keine Spannungen gäbe. Sie greift sie auf, sie führt durch die Spannungen hindurch, damit sich genau dadurch innerlich etwas lösen kann. Das scheint eine Gesetzmäßigkeit zu sein, auch über die Musik hinaus.

Zur Lebenskunst gehört offensichtlich, dass jemand gut mit Spannungen umgehen kann. Innere und äußere Spannungen gehören zum Leben dazu. Leben heißt doch, ausgespannt sein zwischen Himmel und Erde, zwischen mir und den anderen; ausgespannt sein zwischen Vergangenheit und Zukunft, zwischen Wunsch und Wirklichkeit. Seitdem ich die Spannungen, die ich um mich erlebe und in mir spüre, bewusst annehme, seitdem ich zu ihnen „Ja“ sage, seitdem tue ich mir damit leichter. Und ich merke: Spannungen unter den Tisch kehren hilft nicht. Wenn ich mich ihnen stelle, dann kann ich mich in den Spannungsfeldern des Lebens gut bewegen und sie besser gestalten.

Dann kann ich auch ihre positive Seite sehen: Beim Strom fließt nichts ohne Spannung. Auch im Leben bewirkt die richtige Spannung Gutes: Sie hält einen Menschen aufrecht, sie bringt etwas in Bewegung, sie setzt Energie frei.

Es ist hilfreich, wenn ich die Spannungen in meinem Leben und in mir selbst auch positiv sehen kann. Dann kann ich besser mit ihnen umgehen – und dann kann ich mich auch wirksamer entspannen. Und so bin ich wieder bereit für das spannungsvoll Neue, das auf mich zukommt.

2.

In meiner Gebetsecke in meiner Wohnung liegt u.a. ein Gebet, das ich besonders dann bete, wenn die eine oder andere Spannung mich doch zu sehr bedrängt:

 

Gott zwischen uns

Es sei die Kraft Gottes
zwischen uns und aller Schwäche,

das Licht Gottes
zwischen uns und aller Finsternis,

das Leben Gottes
zwischen uns und allem Tod,

die Liebe Gottes
zwischen uns und allem Seufzen,

die Ruhe Gottes
zwischen uns und allem Wahnsinn.

Gottes Gegenwart ist bei uns
heute und immer.

(Gebet der Ökumenischen Gemeinschaft der Iona Community; in: Das Göttliche. Frauen suchen und finden. Gedanken und Kunst von Frauen aller Welt; hg. von Missio Aachen,
www.missio-shop.de; abgedruckt in missio-Magazin 4/2019, S. 27)

 

Dass Sie gerade in der momentan herausfordernden Zeit die Gegenwart Gottes spüren,

das wünsche ich Ihnen von Herzen!

 

Ihr
Christoph Maria Kohl

 

Impuls 5 für die Woche vom dritten Sonntag der Osterzeit, 26. April - 2. Mai 2020

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1.

Wegen der hohen Ansteckungsgefahr durch das heimtückische Virus sind die Kontakt- und Begegnungsmöglichkeiten im öffentlichen Raum, im Beruf und im Privaten nach wie vor eingeschränkt – und vieles davon wird noch länger weitergehen und uns belasten.

Wir sollen möglichst zuhause bleiben (v.a. die Angehörigen der Risikogruppen), möglichst keine Besuche empfangen oder machen. Familienfeste u.ä. fallen fast ganz aus. Es ist nicht möglich, dass wir uns im Gasthaus oder Restaurant und auf schönen Plätzen treffen – auch nicht zu Chorproben.

Und wenn man sich sieht: Keine herzliche Begrüßung mit Handschlag, Umarmung oder Kuss. Wir müssen sicherheitshalber auf Abstand voneinander bleiben. Ja, man muss auf der Straße oder in Geschäften um alle anderen „einen Bogen machen“ – um mindestens 1,5 m Abstand zu wahren.

Wegen der Ansteckungsgefahr ist das alles bitter notwendig. Aber es ist ein unnatürliches, fast absurdes Verhalten, das wir da an den Tag legen müssen. Weil das Miteinander in einem Maß beschnitten ist, dass etwas Lebenswichtiges zu kurz kommt. Der Mensch ist grundlegend auf Gemeinschaft angelegt. Und es gehört dazu, dass wir die menschliche Nähe zu anderen mit Gesten, durch spürbare körperliche Zuwendung, ausdrücken. Das tut gut – und das geht jetzt zum großen Teil nicht.

Das ist nicht nur ungewohnt, sondern das schmerzt – weil derzeit eben eine Ur-Sehnsucht des Menschen nicht so gestillt werden kann, wie es aus gutem Grund einfach zum Menschsein und zum Alltagsleben dazu gehört.

Aber die Tatsache, dass wir das schmerzlich vermissen, hat auch eine positive Auswirkung: Die Bedeutung, der Wert dessen, was wir konkret vermissen, leuchtet auf. Es wird spürbar,

wie wichtig das Miteinander, ein Treffen, ein tieferer Austausch, das Zusammensein mit Freund/inn/en, eine gemütliche Runde von Gleichgesinnten, … - überhaupt: wie wichtig Begegnung und Gemeinschaft, die Dimension der Mitmenschlichkeit, für unser Leben sind.

Und ich erlebe, dass das auch konkrete, positive Auswirkungen im Alltag hat: Derzeit sind die Menschen insgesamt offener füreinander, nehmen einander bewusster wahr und sind kommunikativer als vor der Corona-Zeit.

Das habe ich auf verschiedene Weise erfahren:

Beim Joggen am Rheinufer (abends, wenn wenig Leute dort unterwegs sind) laufe ich an zwei Jugendliche im besten Pubertäts-Alter vorbei, die mich 64jährigen sonst keines Blickes gewürdigt hätten – jetzt rufen sie mir ein freudiges „Hallo!“ zu – auch, als das zweite Mal an ihnen vorbei gejoggt bin!

Beim spätabendlicher Spaziergang durch die Altstadt grüße ich einen Mann, der mir entgegenkommt – der einzige Mensch, der mir auf der Runde begegnet ist – und er grüßt zurück, bleibt stehen – wir reden eine Viertelstunde miteinander – und er gibt mir einen Gruß an unseren Weihbischof mit, der mit ihm in der Schule war. „Zufall“: Am nächsten Abend treffen ich ihn wieder – und wir führen das Gespräch weiter.

Von einer Optikerin habe ich erfahren, dass die Leute im Laden jetzt aufmerksamer für sie und die anderen sind und dass sie ihr im Unterschied zu vorher in die Augen schauen statt irgendwohin.

Wenn ich Bekannte in der Stadt oder am Rhein treffe, bleiben wir alle stehen und halten – in der notwendigen äußeren Distanz – ein Schwätzchen. Früher, vor Corona, hätten wir uns vermutlich nur kurz gegrüßt, und dann wäre jeder gleich wieder seiner Wege gezogen.

Und insgesamt erwidern die Leute viel mehr als vor der Corona-Zeit meinen Gruß oder ein freundliches Kopfnicken, das ich ihnen im Vorbeigehen zuschicke. Ich bin auf dem Dorf aufgewachsen, wo es selbstverständlich war, dass man einander im Vorbeigehen grüßt.

Weil viele Möglichkeiten der Mitmenschlichkeit und der Gemeinschaft, ihres Ausdrucks und ihrer Feier unmöglich sind, ist offensichtlich die Sensibilität für diese Grunddimension des Menschseins und des Lebens größer geworden. Viele nehmen die anderen bewusster wahr. Das ist ein Gewinn – nicht nur jetzt, mitten in allem, was uns fehlt, sondern hoffentlich auch für „die Zeit danach“. Wir können das, was sich jetzt da tun, für das eigene Erleben und für das Zusammenleben nachhaltig fruchtbar machen.

Deshalb mein Vorschlag: Nehmen Sie gerade jetzt Ihre Mitmenschen ganz bewusst wahr. Pflegen Sie die Mitmenschlichkeit mit den kleinen Zeichen und Gesten, die auch jetzt möglich sind – und die jetzt besonders gut tun, ja nötig sind. Zum Beispiel auch ein liebes Wort an der Supermarkt-Kasse – darüber freut sich die Kassiererin, und aus einem Geschäft wird mit einem Mal eine kleine Begegnung von Mensch zu Mensch. Das wirkt übrigens auch positiv auf Sie selbst zurück. Jede Geste der Mitmenschlichkeit tut der eigenen Seele gut – und verstärkt in Ihnen und im anderen eine Haltung und Verhaltensweisen, die das Leben intensiver und erfüllender machen: „Alles wirkliche Leben ist Begegnung.“ sagt Martin Buber.

 

2.

Sie können noch einen Schritt weiter gehen: Sie können den anderen segnen, ein inneres Segensgebet für ihn und über sie sprechen.

Das sind wir leider nicht so gewohnt. Bei „Segen“ denken die meisten an den Segen durch den Priester am Ende der Messe – und vielleicht noch an den päpstlichen Segen „Urbi et orbi“. Aber jede/r, der/die auf die Hilfe und den Beistand Gottes hofft, kann (einen) Mitmenschen segnen. Unsere Mutter hat uns vier Kindern immer ein kleines Segenskreuz auf die Stirn gezeichnet, wenn wir morgens aus dem Haus gegangen sind.

Was bedeutet das, wenn Sie einen Mitmenschen mit einem stillen Gebet oder auch einer äußeren Geste segnen? Das bedeutet zunächst, dass Sie es gut mit ihm meinen und ihm Gutes wünschen - Gutes, das Gott, die Quelle des Lebens, ihm oder ihr schenken möge. Es ist eine konkrete Bitte an Gott für diesen Menschen – im Vertrauen auf IHN, der uns allen „Leben in Fülle“ (Joh 10,10) schenken möchte.

„Segnen“ heißt auf Lateinisch „benedicere“. Wörtlich übersetzt: „bene-dicere“ – „gut-sagen“, gutheißen, Gutes wünschen. Wenn Sie einen Mitmenschen segnen, dann bedeutet das, dass Sie sich in das „Ja“, das Gott schon immer bedingungslos zu diesem Menschen (und zu Ihnen selbst!) gesagt hat und immer wieder neu sagt, einschwingen und es mitvollziehen: Sie sagen mit Gott „Ja!“ zu diesem konkreten Menschen. Das heißt: Sie tun damit „etwas Göttliches“, etwas, was Gott selbst tut und durch Sie tun möchte: Sie bejahen diesen Menschen, heißen ihn gut: „Ich freue mich darüber, dass Du da bist und dass wir uns sehen. Und ich empfehle Dich Gott an – damit Du sein Wohlwollen und seinen Schutz spürst und mehr zu Dir selbst und zu Deinem Lebensglück findest. Möge Gott Dir vor allem dort beistehen, wo Du seine Fürsorge jetzt besonders gut brauchen kannst.“

Wenn Sie in dieser Einstellung ein inneres „Sei gesegnet!“ oder „Der Segen Gottes möge mit Dir sein!“ sagen, dann treten Sie mit Gott und über Gott in Beziehung zum Nächsten und vertiefen Ihre Beziehung zu ihm, gleich, wer es auch sei, und gleich, wie nahe oder fern sie ihr stehen. Und warum nicht auch Ihre Ehefrau oder Ihren Ehemann oder die Kinder mit einem lieben, persönlichen Wort und einer kleinen Geste ausdrücklich segnen?! Bene-dicere, Gutes sagen, Gutes zusprechen, noch dazu im Namen Gottes, kann Wunder wirken und ist auf jeden Fall zutiefst lebensförderlich. Denn so werden auch Sie selbst zu einem Segen für die anderen!

Der bekannteste biblische Segen dürfte der sogenannte aronitische Segen (Num 6, 24-26) sein:

„Der Herr segne dich und behüte dich.

Der Herr lasse sein Angesicht über dich leuchten und sei dir gnädig.

Der Herr wende sein Angesicht dir zu und schenke dir Frieden.“

 

Das wünsche ich Ihnen von Herzen!

Ihr

Christoph Maria Kohl

 

Impuls 4 für die Woche vom Weißen Sonntag, 19.-25. April 2020

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1.

„Wir alle spüren, dass der Einschnitt, den wir jetzt erleben, unsere Welt verändern wird. Nicht nur, dass der Weg in die ‚Normalität‘ uns noch viele Verzichte abverlangen wird, sondern dass diese ‚Normalität‘ ein anderes Gesicht haben wird.“ „Aber nicht nur wir – die ganze Menschheit muss sich neu orientieren.“ Das sagte Bischof Wiesemann in der Chrisam-Messe am Gründonnerstagmorgen.

Ähnlich Bundespräsident Steinmeier in seiner Ansprache zwei Tage später: „Und für uns alle die bohrende Ungewissheit: Wie wird es weitergehen? … Wir alle sehnen uns nach Normalität. Aber was heißt das eigentlich? Nur möglichst schnell zurück in den alten Trott, zu alten Gewohnheiten? … Nein, die Welt danach wird eine andere sein.“

Wir leben derzeit in einer doppelten Ungewissheit. Zum einen ist nicht abzusehen, wie lange noch Kontaktbeschränkungen, Schließungen, Veranstaltungsverbote usw. zur Verringerung der unmittelbaren Ansteckungsgefahr unser gewohntes Leben stark beeinträchtigen. Zum anderen ist ganz unklar, wie die Folgen von Covid 19 unsere Welt und unser gewohntes Leben nachhaltig verändern werden: Langfristige Schutzmaßnahmen vor Infektion, bis Impfstoff für alle da ist; Rezession, Verlust von Arbeitsplätzen, persönliche Krisen durch Wegbrechen der (finanziellen) Existenzgrundlage; soziale Spannungen; Auseinandertriften der (europäischen) Staatengemeinschaft durch nationalstaatliches Abschottungsdenken u.ä.

Vieles, was für uns selbstverständlich war, geht derzeit nicht – und wird vielleicht nie wieder so sein „wie vorher“. „Die Welt danach wird eine andere sein.“ hat der Bundespräsident ganz bewusst in seiner Ansprache gesagt. Veränderungen kommen auf uns zu, womöglich gravierende und langfristige. Kein Wunder, wenn das viele verunsichert oder Ängste auslöst.

Gewohnheiten – das, was zum Leben dazugehört und wie es geht – was wir uns in Zeiten des Wohlstands selbstverständlich leisten können – wirtschaftliches Wachstum und positive Zukunftsaussichten - all das prägt die Bahnen, in denen sich das Leben bewegt, und all das gibt auch Sicherheit, einen gewissen Halt: „So geht Leben, und darauf kann ich mich verlassen.“

Und wenn dieses Selbstverständliche, diese Sicherheit wegbricht? Je gravierender die bedrohlichen Veränderungen sind, die unerwartet und ungewollt über uns hereinbrechen, desto mehr kann das verunsichern.

Denn wir brauchen ja Sicherheit für unser Leben – Verlässliches, das uns Halt gibt. Die Frage ist nur, was wirklich guten Halt und echte Sicherheit geben kann. Wenn äußere „Sicherheiten“ wegbrechen, ist die innere Sicherheit umso wichtiger.

Wenn das, was mein Leben faktisch ausfüllt, unreflektiert meinen Lebenssinn bestimmt; wenn ich unbewusst an dem hänge und keine positive, kritische Distanz zu dem habe, was alles so selbstverständlich scheint; wenn das Leben sich gewohnheitsmäßig in festen Bahnen bewegt – dann gibt das eine trügerische Sicherheit, die sehr zerbrechlich ist, wenn die äußeren Bedingungen sich ändern – wie es jetzt der Fall ist. Dann ist mit den äußeren Veränderungen das weg, was faktisch Halt und Sicherheit gegeben hat.

So gesehen ist eine Krisenzeit wie die derzeitige (die noch länger andauernd wird) eine „Stunde der Offenbarung“: Es zeigt sich zunächst, wie es um meine Sicherheit und meinen Halt bestellt ist. Das kann eine Ent-Täuschung mit sich bringen. Aber auch dann ist es hilfreich, wenn ich weiß, wie es wirklich um mich steht. Wenn ich wahrnehme, woran ich mich faktisch festhalte; was alles ich brauche, damit es mir gut geht. Je mehr unreflektierte Gewohnheit hierbei im Spiel ist, je mehr ich mich unbewusst an Gewohntes klammere, desto mehr mache ich mich innerlich davon abhängig – mit der Folge, dass das Lebensglück auf dünnem Eis steht.

Auf jeden Fall gilt: Je stärker meine innere Sicherheit ist, desto weniger werfen mich äußere Veränderungen um, desto besser kann ich mit ungewollten Veränderungen umgehen. Deshalb ist die Frage wichtig, wie die innere Sicherheit wachsen kann.

Es geht um das, was mir inneren Halt geben kann; um das innere Fundament, auf dem ich mit meinem Leben stehe. Je besser ein Baum in der Tiefe verwurzelt ist, desto weniger können ihm Stürme etwas anhaben!

Genau das kann uns der Glaube geben. Je tiefer ich in Gott verwurzelt bin, je mehr das Vertrauen auf IHN mir Halt gibt, je mehr ER das feste Fundament meines Lebenshauses ist, desto größer ist meine innere Sicherheit – auch und gerade dann, wenn vermeintliche äußere Sicherheiten wegbrechen.

Auch diese Erfahrung spiegeln viele Psalmen wider (Gott als „mein Fels“, „meine Burg“ – gerade in Not und Bedrängnis: s. Ps 18, 3.47; Ps 59, 10.17.18; Ps 62, 3.7.8; Ps 91, 2).

Und vor allem sehr wir es an Jesus Christus selbst. Was hat Jesus in seinem Leben (und Sterben!) Halt und Sicherheit gegeben? Bei ihm gab es keine äußeren, materiellen Sicherheiten, keine dumpfen Selbstverständlichkeiten, kein Wie-man-so-lebt, kein gewohnheitsmäßiges business-as-usual.  

Was brauchte er zum Glücklichsein? Was hat ihn getragen? Was hat ihm diese große innere Sicherheit gegeben („Ich aber sage euch …“)? Seine innere Sicherheit erwuchs aus seiner Gottesverwurzelung. Er wusste sich vom Vater im Himmel bedingungslos geliebt. Er hat gespürt, dass Gott hinter ihm steht und ihn stärkt. Er hat in und aus der inneren Verbindung mit Gott gelebt. Er hat sich auch im Gebet immer wieder in IHN hineinvertieft. So konnte er je neu mit Lebenskraft und Geist erfüllt werden. Und er hat das Wirken Gottes in seinem Leben und bei den Menschen wachen Herzens wahrgenommen und war davon erfüllt. So konnte er als Freund des Lebens und der Menschen auch auf vielfältige Weise heilsam wirken – er war selbst als Person eine Frohe Botschaft für die Menschen.

Seine Gottesverwurzelung hat ihm Erfahrungen ermöglicht, die ihn dann weiter gestärkt haben. So hat er in großer Souveränität SEIN Leben gelebt – bis hin zu der Freiheit, es für die Menschen hinzugeben. Seine innere Sicherheit und Freiheit waren so groß, dass er sich im Sterben total verunsichern lassen konnte – im Vertrauen auf seinen Vater im Himmel.

Wer sich auf den Weg macht, Gott zu vertrauen und Jesus nachzufolgen, der kann auch in dessen innere Sicherheit immer mehr hinein wachsen. Dann können wir auch so manches loslassen, was nur scheinbar von außen her Sicherheit vermittelt. Und dann können wir mit Krisen und großen Herausforderungen viel besser umgehen.


2.

Um in die innere Sicherheit, die Jesus ausgezeichnet hat und die er auch uns schenken möchte, hinein zu wachsen, kann es hilfreich sein, diese Texte zu lesen und betend zu internalisieren:

•    Die oben angegebenen Psalmen
•    Lieder zu  „Vertrauen und Trost“, Gotteslob 414 – 435
•    Gebete zu „Vertrauen“ im Gotteslob 8, 5-7

Und ich empfehle Ihnen ein Gebet des Franziskanerpaters Anton Rotzetter (aus: Gott, der mich atmen lässt. Gebete. Herder-Freiburg 1985 u. ö., S. 170):

„Mich loslassen
und in Dein Herz fallen
Vertrauen
und mein Leben auf Dich setzen
Auf Jesus schauen
und mich nach ihm richten
Ins Dunkle gehen
und mit Dir rechnen
Das will ich
mein Gott und alles“


Möge Gott Sie diesen Weg führen!

Domdekan Dr. Christoph Maria Kohl

Impuls für die Oster-Woche, 12.-18. April 2020

(hier auch zum Dowload)

1.
Ostern 2020 ist ganz anders als sonst. Aber es fällt wegen der Pandemie nicht aus und wird auch nicht verschoben. Ostern, das Fest der Auferstehung, das Fest vom Sieg des Lebens, ist gerade jetzt besonders wichtig für uns.

Vieles ist derzeit nicht möglich, was sonst zu unserem Leben selbstverständlich dazu gehört, auch zu den Ostertagen. Es ist ein von außen auferlegter Verzicht, der uns zusetzt. Viele leiden auf verschiedene Weise darunter. Erst recht schmerzlich ist es, wenn Menschen durch den Virus schwer krank werden oder gar sterben. Wir erleiden etwas, was wir nicht im Griff haben, nicht einfach so ändern können - und wobei wir nicht wissen, wie es weiter geht. Auch eine Art „Passion“.

Mitten in dieser Situation feiern wir Ostern, feiern wir, dass Gott Jesus Christus aus dem Tod herausgeholt hat und ihm neues Leben geschenkt hat. Wir feiern den Gott, der stärker ist als alles Tödliche in unserem Leben – und der mit Jesus auch uns alle aus der Macht des Todes herausreißt, nicht nur am Ende unseres irdischen Daseins, sondern jeden Tag neu – zu unserem Glück, zu unserem Heil.

Denn es gibt ja die „kleinen Tode mitten im Leben“. Schmerzliche Erfahrungen,

  • wo das Leben behindert und eingeschränkt wird,
  • wo wir es einander eng machen, wo sich mir das Herz zuschnürt,
  • dass wir anderen weh tun,
  • persönliches Fehlverhalten, das sich auf andere und unsere Beziehungen (und auf uns selbst!) auswirkt,
  • was den Fluss des Lebens hemmt, was zwischen Menschen steht,
  • Missverständnisse, Konflikte, Streit, Krieg und Vertreibung,
  • wo Menschen erniedrigt und gedemütigt werden, wo ihre Würde mit Füssen getreten wird, wo Menschen in ihren Grundrechten nicht geachtet werden,
  • wo innere Zwänge einem Menschen konkrete Lebensmöglichkeiten und die Freude am Leben sehr einschränken.
  • Misserfolg und Scheitern.

Solche Erfahrungen sind Beispiele dafür, dass es in unserem Alltag so manches gibt, was sich „lebensfeindlich“ auswirkt - Hemmnisse für das „Leben in Fülle“ (Joh 10,10), das Gott uns schenken will. „Mitten wir im Leben sind mit dem Tod umfangen“ heißt es in einem alten Lied (aus dem 11. Jahrhundert, in dem der Speyerer Dom gebaut worden ist!), das durch Martin Luther bekannt geworden ist.

Vor dem Hintergrund dieser Grund-Erfahrung feiern wir Ostern. Wir feiern das Leben, das GOTT uns schenkt, erst recht dort, wo wir nicht mehr weiterkommen, wo wir am Ende sind. Wir feiern die „göttliche Lebensqualität“, die ER uns schenkt – indem er die Grenzen, die der Tod und alles Tödliche im Leben uns setzen, sprengt. Nicht nur am Ende des Lebens, sondern im Hier und Heute. Befreiung und Erlösung ganz konkret, dort, wo wir sie nötig haben.

Das kommt in einem neuen geistlichen Lied zum Ausdruck (s. Gotteslob Nr. 472):

„Manchmal feiern wir mitten im Tag ein Fest der Auferstehung.
Stunden werden eingeschmolzen, und ein Glück ist da.

Manchmal feiern wir mitten im Tag ein Fest der Auferstehung.
Sätze werden aufgebrochen, und ein Lied ist da.

Manchmal feiern wir mitten im Tag ein Fest der Auferstehung.
Waffen werden umgeschmiedet, und ein Friede ist da.

Manchmal feiern wir mitten im Tag ein Fest der Auferstehung.
Sperren werden übersprungen, und ein Geist ist da.“

(Text: Alois Albrecht)

Ich hoffe, dass Sie solche Auferstehungs-Erfahrungen, solche Ostererfahrungen auch schon gemacht haben:

  • Ich bin in Sorge und Angst – und mit einem Mal wird mir neue Zuversicht und Hoffnung geschenkt.
  • Es fügt sich etwas; mir wird etwas zuteil, was ich so nicht erwarten konnte.
  • Etwas Bedrückendes fällt von mir ab – ich fühle mich innerlich freier.
  • Es gelingt mir etwas, das ich mir gar nicht zugetraut hätte.
  • Ich erlebe etwas, wobei es mir „leicht ums Herz wird“, wobei „mir das Herz aufgeht“.
  • Eine Erfahrung, eine Begegnung, bei der ich die Zeit vergesse, weil sie so intensiv und beglückend ist – und bei der ich ganz bei mir (und beim anderen und bei Gott) bin –  Erfüllung pur! Ein bisschen „Himmel auf Erden“.
  • Ich stehe da und bin einfach überwältigt von der Schönheit der Schöpfung oder von konkret erfahrener Liebe der Mitmenschen.
  • Es eröffnen sich konkrete Lebensmöglichkeiten, eine Lebenschance, an die ich gar nicht gedacht hätte.
  • Es ereignet sich etwas Unwahrscheinliches, für nicht Menschen-möglich Gehaltenes. Oder gar: Es passiert „ein Wunder“.
  • Ich finde Zugang zu einem Menschen, mit dem ich mir schwer getan habe. Eine Mauer von Nichtverstehen und innerer Distanz fällt in sich zusammen.
  • Aus Unversöhnlichkeit und Verhärtung heraus wird Verzeihung und Versöhnung geschenkt.
  • Es weitet sich etwas in mir, in meinem Innern; ich spüre deutlich eine neue innere Freiheit, eine stärkere Lebendigkeit, vielleicht auch eine tiefere innere Ruhe. Ich ruhe in mir und in Gott.

Solche Auferstehungserfahrungen spielt Gott uns zu – nicht nur an Ostern und nicht nur sonntags (jeder Sonntag ist ja ein kleines Osterfest!), sondern jeden Tag neu – weil er uns ja immer mehr in das „Leben in Fülle“ hineinführen will – und weil er möchte, dass wir Hier und Heute schon möglichst viel davon verkosten können.

Ich lade Sie ein, jetzt, an den Ostertagen und in der Osterzeit, einmal nach solchen Ostererfahrungen, nach kleinen und großen Auferstehungserfahrungen in Ihrem persönlichen Leben, in Ihrem Alltag Ausschau zu halten. Wenn wir sie wahrnehmen und innerlich verkosten und einmünden lassen in Lob und Dank an den, der uns so beschenkt – dann gewinnt unser Leben eine neue Intensivität und Tiefe, dann kann uns die „gottgeschenkte Lebensqualität“ immer mehr erfüllen.

2.
Was das Beten angeht: Wenn Sie bei sich erleben „Manchmal feiern wir mitten im Tag ein Fest der Auferstehung“, wenn Sie sich solcher Erlebnisse bewusst werden, dann kann diese „Ostererfahrung konkret“ einmünden in ein Stoßgebet, ein spontanes Gebet aus dem eigenen Erleben und Herzen heraus – oder in eine Art persönlichen Psalm, Ihr Gebet, etwa in Form einer Litanei (s. als Beispiel verschiedenste Litaneien im Gotteslob, Nr. 556-569), in der sich das niederschlägt, was Sie erlebt haben an, was Sie aufgerichtet und Ihnen neues Leben geschenkt hat.

 

Ich wünsche Ihnen, dass Sie auf diese Weise immer mehr österliche Menschen werden.

Domdekan Dr. Christoph Maria Kohl

 

Impuls für die Woche vom Palmsonntag, 5. April 2020
(hier auch als Download)

1.

Was uns gerade in dieser Krisenzeit besonders gut tun könnte ist eine „Kultur der Wertschätzung“.

Durch die Kontaktbeschränkungen und Homeoffice sind die meisten länger und enger in der Wohnung beisammen als sonst. Wenn die Arbeit außer Haus, soziale Kontakte und sonstiger Ausgleich wegfallen, wenn alle mehr oder ganz zuhause sind, wenn einem dazu noch die Kinder den ganzen Tag auf die Pelle rücken, dann kann das anstrengend werden. Alle sind mehr als sonst aufeinander angewiesen – und können sich auch „auf den Wecker gehen“. Das kann zu Spannungen und Konflikten führen – was kein Wunder ist. Und offensichtlich kommt es vermehrt zu Auseinandersetzungen, von unbedachten Vorwürfen bis hin zu häuslicher Gewalt.

Gerade in einer solchen, wirklich herausfordernden Situation – aber auch sonst „im ganz normalen Leben“! – tut es deshalb gut, bewusst das wahrzunehmen,

  • was mir an meinen Nächsten und den Mitmenschen, die ich treffe, gut tut,
  • was sie positiv ausstrahlen,
  • was ihre Stärke ist, ihre besonderen Fähigkeiten und Begabungen,
  • was sie auszeichnet und einmalig macht,
  • wo und wie sie sich für andere einsetzen,
  • wo und wie sie ein kleines „Licht der Welt“ sind (Jesus in der Bergpredigt: „Ihr seid das Licht der Welt.“ – s. Mt 5,14) und das Leben für die anderen ein wenig hell machen.

Den Blick dafür zu schärfen, das besser zu sehen, das ist eine Wohltat für alle Beteiligten. Das, was einem am anderen stört, das, womit er oder sie einem irgendwie zusetzt, das spürt man oft unmittelbar und sehr deutlich. Das Umgekehrte, das Positive, das Wohltuende, das wird einem oft nicht so automatisch bewusst – zumal es ja als selbstverständlich erscheint. Deshalb ist es hilfreich, wenn man eine Zeitlang diese „Wahrnehmungs-Übung“ macht, nämlich ganz bewusst die o.g. Punkte beim anderen zu suchen und im Herzen zu sammeln. Das kann dazu führen, dass ich Mitmenschen „mit anderen Augen sehe“, ja auch, dass ich ihn/sie neu schätzen lerne – weil ich das besser sehe, was ihn auszeichnet. (Übrigens sehe ich den anderen erst dann so, wie er wirklich ist, wenn ich ihn mit dem Blick des Wohlwollens und der Liebe betrachte.) 

Und dann kann ich noch einen Schritt weitergehen: Ich kann dem anderen das sagen, was ich an ihm entdeckt habe, womit er mit gut tut, was er sonders gut kann, was ihn auszeichnet usw. Das muss nicht gleich ein großes Feedback werden. Schon ein ausdrücklicher Dank und ein Lob für etwas, was Sie jetzt gerade positiv erlebt haben, tut seine Wirkung. Wenn das zur Gewohnheit und dadurch auch zur inneren Haltung wird, dann vertieft das die Beziehung zu den Mitmenschen insgesamt. Menschen, die eine Kultur der Wertschätzung und des Dankens ausstrahlen, die sind ein Geschenk für die Mitmenschen – und werden dabei auch selbst beschenkt!

Paulus schreibt den Christen in Korinth in seinem ersten Brief (1 Kor 12,11), dass „der Heilige Geist JEDEM seine besondere Gabe zuteilt“. Das bedeutet: Als Gabe, als Geschenk Gottes hat JEDER Mensch mindestens eine besondere Gabe, Fähigkeit, Kompetenz, Stärke, ein Charisma! Wenn wir das entdecken und schätzen lernen, dann können wir den anderen auch immer besser so sehen, wie Gott ihn sieht – wir lernen dadurch, die Mitmenschen mit den Augen Gottes zu sehen!!!

Ich lade Sie ein: Gehen Sie mal auf Entdeckungsreise im Kreis Ihrer Lieben und Ihrer Mitmenschen. Machen Sie die beschriebene „Wahrnehmungsübung“ – und versuchen Sie mal, dem anderen auch das zu sagen, was Sie dann garantiert sehen und spüren werden! Das kann Ihnen und den Menschen, mit denen Sie zusammen sind, gerade jetzt gut tun. Und darüber hinaus vertiefen Sie dadurch bei sich automatisch eine Haltung und Verhaltensweisen, die das Leben insgesamt erfüllter und auch Sie selbst glücklicher machen.

2.

Wenn Sie in dieser Krisenzeit Gott Ihre Sorgen, (Für-)Bitten, Fragen, Zweifel usw. hinhalten oder entgegenschleudern wollen; wenn es dran sein sollte, ihn zu fragen, was das Ganze soll, wo seine Hilfe bleibt, mit ihm zu hadern – dann können die Psalmen dazu sehr gute Anregungen geben. Die Psalmen sind Gebete und Lieder, die aus allen denkbaren Lebenslagen heraus verfasst worden sind, die viele existentielle Erfahrungen und Fragen aufgreifen. Schauen Sie das Buch der 150 Psalmen einmal durch (z.B. Ps 16, 27, 34, 91, 139) – vielleicht finden Sie „Ihren“ Psalm, der Ihre derzeitige innere Verfassung wiederspiegelt. Manchem hat es schon gut getan, dann „seinen eigenen Psalm“ zu schreiben, sein Gebet in der Art der Psalmen.

Auf jeden Fall können diese Lieder Israels und der Kirche Sie in Ihre eigene innere Tiefe führen – und Gott näherbringen.

(Empfehlenswert für die Lektüre der Psalmen, aber auch als Bibelübersetzung insgesamt, ist die neue „Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift 2016“, die auch in den Sonntagsgottesdiensten verwendet wird. Vom Verlag Katholisches Bibelwerk wird sie in verschiedenen Ausgaben vertrieben.)

Impuls 1 für die Woche vom Fünften Fastensonntag, 28. März 2020


Zwei Anregungen möchte ich Ihnen für die kommende Woche mitgeben.

1.
Mehrere Politiker/innen haben klar gesagt, dass die momentane Situation die größte Herausforderung für unser Land seit dem Zweiten Weltkrieg ist – das scheint mir nicht übertrieben zu sein. Das öffentliche und wirtschaftliche Leben ruht fast ganz – keiner weiß, wie lange das noch nötig ist. Und die Fachleute sagen, dass wir derzeit erst „die Ruhe vor dem Sturm“ erleben, dass die Ausbreitung des Virus unweigerlich noch weitergehen wird. Vielen setzen die Kontakt-Beschränkungen langsam zu; es gibt mehr Spannungen und Konflikte bei denen, die jetzt auf engerem Raum und länger als sonst zusammen sind. Und eben noch kein Ende in Sicht. Und die längerfristigen Auswirkungen können wir nur ahnen…

Das ist eine Situation der OHNMACHT. Wir sind dem Virus irgendwie ausgeliefert – und können nichts dafür tun, dass der Spuk morgen oder sehr bald vorbei ist. Wir können uns nur passiv schützen, indem wir eben soziale Kontakte – soweit möglich – meiden. Aber das verhindert eben nur eine noch schnellere Verbreitung des Virus; unsere Mittel gegen das Virus sind sehr begrenzt. Es gibt keine schnelle Lösung. Wir erleben unsere Ohnmacht.

„Ich kann / Wir können nichts (wirklich Wirkmächtiges) tun!? Wir sind ausgeliefert.“ - Ohnmacht zu spüren ist kein gutes Gefühl. Deshalb wird es oft abgetan oder verdrängt. Dann aber hat es – weil es ja im Innern da ist und weiterrumort – sehr ungute Auswirkungen. Dann führt es entweder zu Lähmung, Resignation, depressiver Verstimmung – oder zu wenig hilfreichem Aktionismus als „quasi-Befreiungsschlag“. Beides ist derzeit bei Einzelnen und in der Gesellschaft wahrzunehmen.

Doch ich kann auch heilsam mit Ohnmachtsgefühlen umgehen - indem ich sie wahrnehme und zulasse. Indem ich mir sage: „Ja, wir sind jetzt in mancher Hinsicht in einer Situation der Ohnmacht. Und das setzt mir innerlich zu. Mein Ohnmachtsgefühl ist da, es gehört derzeit zu mir, – und deshalb nehme ich das Ohnmachtsgefühl an, weil ich mich annehme, so wie ich bin und so wie es mir geht – Gott nimmt mich ja auch so an.“ Wenn ich – so verstanden! – „Ja“ sagen kann zu meinem Ohnmachtsgefühl, dann hat es keine Gewalt mehr über mich, dann kann es mich nicht mehr blockieren oder ungut antreiben. Wenn ich die Ohnmachtserfahrung annehme, dann kann es gut weiter gehen – dann schenkt das innere Freiheit, dann können genau dadurch neue Kraft und neue Kreativität wachsen – und dann können auch wir besser mit der schwierigen Situation umgehen.


Übrigens hat auch Jesus in mancher Hinsicht Ohnmacht erlebt – im Laufe seiner Verkündigung bei Menschen, die ihn nicht verstanden und dann abgelehnt und schließlich ans Kreuz gebracht haben, v.a. bei den Pharisäern und Schriftgelehrten. Er hat sich in seiner Passion ganz in diese Ohnmacht hineinbegeben, so dass sie innerlich keine Macht über ihn hatte, – und Gott hat in seiner Auferweckung deutlich gemacht: SEINE Macht ist größer als alle Ohnmacht – und sie kann uns helfen, dass auch wir aus Ohnmachtserfahrung gestärkt und mit neuer Lebendigkeit herauskommen.

 

2.
Unser Alltagsleben ist derzeit einigermaßen eingeschränkt. Der äußere Lebensraum ist enger.
Wir können vieles nicht tun, was sonst ganz selbstverständlich zu unserem Leben dazu gehört. Das Leben ist irgendwie eintöniger, und es ist anstrengender.

In einer solchen Zeit ist es umso wichtiger und für das Innere sehr wohltuend, wenn wir gerade jetzt umso bewusster und intensiver das wahrnehmen,
•    was wir auch in eingeschränktem Leben konkret an Schönem erleben,
•    was mir / uns gut tut,
•    wobei mir das Herz aufgeht,
•    was den heutigen Tag irgendwie hell gemacht hat und ihm Farbe gegeben hat,
•    worüber ich mich heute besonders gefreut habe.

Das in den Blick zu nehmen und das im Herzen gut zu verkosten, dazu lädt das sogenannte „Gebet der liebenden Aufmerksamkeit“ ein. Es geht auf den heiligen Ignatius von Loyola zurück, den Gründer der Jesuiten. In seiner Spiritualität ist dieses Gebet das wichtigste von allem Beten. Er empfiehlt dieses Gebet als Rückblick auf den Tag, zum Abschluss des Tages – am späten Nachmittag oder am Abend, bevor man allzu müde ist.

Es tut gut, dann den Tag Revue passieren zu lassen. Ich kann mir den Tag nochmals vergegenwärtigen, indem ich ihn wie einen Film vorüberziehen lasse – und dabei ganz bewusst nach den „hellen Farben“ Ausschau halte, nach dem, was ich zu Beginn des zweiten Abschnitts aufgezählt habe.
•    Was hat mir gut heute getan - und wo habe ich anderen gut getan?
•    Wo bin ich irgendwie beschenkt worden - und wo war ich für andere im Kleinen „ein Segen“?
•    Wo und wie hat mir Gott irgendwie Leben zugespielt (das tut er täglich, stündlich!) -und wo habe ich heute etwas von ihm gespürt oder geahnt?

So kann ich mir das Wohltuende und Heilsame dieses Tages – und das gibt es jeden Tag! – bewusst machen und vergegenwärtigen. Dadurch kann ich es tiefer genießen, und es lässt mich erfüllt zurück – und es kann so in mir über den Tag hinaus weiterwirken. Zudem schärft das „Gebet der liebenden Aufmerksamkeit“ auf Dauer den Blick für das, was das Leben insgesamt faktisch schön macht und mich erfüllen kann. So kann diese Gebetsweise zu einer intensiveren „Daseinsweise“ führen, zu einer Vertiefung des Lebens.

Probieren Sie es einmal aus! Bitten Sie Gott gegen Abend, dass er Ihnen die Augen öffne, den Blick schärfe für all das, was diesen Tag – und Sie darin! – mit Liebe, Freude, Zuversicht, Hoffnung, … erfüllt hat. Das zu verkosten und im Inneren fruchtbar werden zu lassen tut gerade in dieser schwierigen Zeit besonders gut!

Weitere Informationen: Willi Lambert, Gebet der liebenden Aufmerksamkeit; Paulinus-Verlag Trier (67 Seiten, 5,00 €) – oder schauen Sie im Internet nach unter „Gebet der liebenden Aufmerksamkeit“.

 

Ich wünsche Ihnen für die kommende Woche die Erfahrung,
die der Beter der Psalms 23 gemacht hat und uns weitergibt:


„Der Herr ist mein Hirt,
nichts wird mir fehlen.
Er lässt mich lagern auf grünen Auen
und führt mich zum Ruheplatz am Wasser.
Meine Lebenskraft bringt er zurück.
Er führt mich auf Pfaden der Gerechtigkeit,
getreu seinem Namen.“                   (neue Einheitsübersetzung 2016)


Ich bete für Sie und Ihre Lieben, auch wenn ich die Eucharistie feiere,
und grüße Sie ganz herzlich von unserem Dom aus –

Ihr

Domdekan Dr. Christoph Maria Kohl