Impulse für unser Leben in der Corona-Ausnahmesituation

Impuls 9 für die Woche vom siebten Sonntag der Osterzeit, 24. bis 30. Mai 2020

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1.

Verstärkt durch die Corona-Bedrohung: „Mitten wir im Leben sind mit dem Tod umfangen“ (Gotteslob-Lied Nr. 503) - aber auch vom Gott des Lebens gehalten

„70-Jähriger Speyerer erliegt in Krankenhaus Covid-19“ - so springt mir eine Titelzeile aus der Zeitung vom Samstag, 21. Mai 2020, entgegen. In derselben Ausgabe: „Super-Zyklon  ‚Amphan‘ zerstört Lebensgrundlage von Millionen“. Tote gab es diesmal nicht so viele; aber „1991 wurden in Bangladesch fast 140.000 Menschen durch von einem Zyklon ausgelöste Tornados und Überschwemmungen getötet.“ Bisher sind wir von solchen todbringenden Katastrophen verschont geblieben. Aber mit dem Corona-Virus hat sich plötzlich eine unheimliche Gefahr für Leib und Leben in unsere Gesellschaft eingeschlichen. Mir sind die gruseligen Bilder der aufgereihten, in Kühllastern gestapelten und auf Militärlastern abtransportierten Särge v.a. in Bergamo und New York noch gut vor Augen. Durch die tückische Krankheit sind wir mehr mit Tod und Sterben konfrontiert als sonst im Alltag.

Damit das keine Ängste auslöst, die lähmen und blockieren, ist es hilfreich, sich mit diesem Thema existentiell auseinanderzusetzen - und zwar in einer österlichen Perspektive. Auch alle Christen, alle Glaubenden müssen sterben. Aber im Licht von Erlösung und Auferstehung erscheint der Tod nicht einfach nur als brutales Ende des Lebens. Bei zwei Menschen, die ich auf der letzten Wegstrecke ihres Lebens begleiten durfte, habe ich besonders intensiv erlebt, dass sie als österliche Menschen dem Tod entgegengegangen sind - eine Erfahrung, die sich tief in mich eingeprägt hat.

Auch wenn der Tod das Ende unseres irdischen Daseins bedeutet, freue ich mich auch auf die große Begegnung mit Gott am Ende des Lebens.

Ich glaube, dass ich im Augenblick meines Todes vor Gott erscheinen werde. Er erwartet und empfängt mich. Ich stehe vor ihm, und er schaut mich an. Er schaut mich so an, wie es der Segen Aarons erfleht: „Der Herr lasse sein Angesicht über dich leuchten und sei dir gnädig. Der Herr wende sein Angesicht dir zu und schenke dir Frieden“ (Num 6, 25-26). Und unter diesem unendlich liebevollen und gütigen Blick geht mir vollends auf, wie gut es Gott schon immer mit mir gemeint hat. Und wie ein Film im Zeitraffer-Tempo läuft mein Leben vor meinem inneren Auge ab. Ich sehe das, was Gott in mir angelegt hat, damit es sich entfalten kann; ich sehe, was ich daraus gemacht habe - und wo ich nur ein Schatten meiner selbst geblieben bin. Ich sehe alle Momente des Glücks und alle Zeiten der Erfüllung - und auch, wo ich mich selbst um das Leben gebracht habe, das Gott mir schenken wollte. Dankbarkeit und Freude durchströmen mich, aber auch Enttäuschung und Schmerz über all das, wo ich Bruchstück geblieben bin. Mir kommen Tränen der Trauer und Wehmut über das nicht gelebte Leben, das um mich herum und in mir da war, das ich aber nicht für mich fruchtbar machen konnte. Ich bin erfüllt von Scham und Reue angesichts der Liebe, die ich nicht in mich aufnehmen, erwidern oder weiterschenken konnte. Doch dabei spüre ich, dass Gott mich schon längst in seinen Armen hält und liebevoll an seine Brust drückt, und dass von seinem barmherzigen Blick und von seinem Herzen eine Wärme ausgeht, die alle inneren Wunden heilt und allen Schmerz verwandelt. „Der Herr lasse sein Angesicht über dich leuchten und sei dir gnädig. Der Herr wende sein Angesicht dir zu und schenke dir Frieden.“ Das erlebe ich jetzt: „Fegefeuer“ als die Wärme der Liebe Gottes, die alles Unheile in mir „ausbrennt“, verwandelt; Gericht als tiefen Schmerz und Reue über die verpassten Lebenschancen, die Gott mir schenken wollte, und Gericht, insofern Gott mich auf-richtet und her-richtet für sein großes Fest, in das alles Leben einmündet.

So ähnlich stelle ich mir die Begegnung mit Gott im Tod vor.

Und für meine Lebenszeit freue ich mich, dass ich auch jetzt schon unter diesem gütigen Blick Gottes leben darf, den ich dann einmal ganz verkosten darf: „Der Herr lasse sein Angesicht über dich leuchten und sei dir gnädig. Der Herr wende sein Angesicht dir zu und schenke dir Frieden.“

Wer Tod und Sterben in dieser Glaubens-Perspektive sehen kann, der kann dann auch besser, nämlich mit der Hoffnung eines Erlösten, damit umgehen, dass wir derzeit mehr mit dem Sterbenmüssen konfrontiert und bedroht sind als sonst. „Mitten wir im Leben sind mit dem Tod umfangen“ (Gotteslob Nr. 503) - ja, aber genau darin begegnet und hält uns der Gott des Lebens.

2.

Der Franziskanerpater Anton Rotzetter hat ein empfehlenswertes Buch mit Gebeten zu Themen des Lebens und Glaubens geschrieben (Anton Rotzetter, Gott, der mich atmen lässt. Gebete. Herder-Verlag Freiburg 1985 u.ö.). Dort steht auf S. 161 dieses Gebet, das das Alter im Blick hat, aber auch grundsätzlicher gilt:

 

„Mitten im Leben

der unausweichliche Tod

Mitten in der Kraft

das sichere Ende

Mitten in der Freude

die unerbittliche Grenze

Mitten in der Arbeit

die drängende Zeit.

 

Gott

lass mich der Wahrheit meines Lebens begegnen.“

 

Wer dieses Gebet für sich selbst spricht, der kann erleben, dass sich dadurch innerlich manches lösen kann.

Und wenn Ihnen der Mut dazu geschenkt wird, empfehle ich Ihnen, einmal so zu beten: Lassen Sie in einer ruhigen Stunde in Ihnen aufsteigen, wie es Ihnen bei der oben geschilderten letzten großen Begegnung mit Gott gehen würde, wenn Sie sie jetzt erleben würden; was Ihnen dann über Ihr Leben kommen würde und was Sie dann Gott sagen und von ihm erhoffen würden.

Wer sich in die Begegnung mit Gott im Tod hineinversetzt, wird dadurch auch empfänglicher für das gottgeschenkte Leben im Hier und Heute. Vom Ende, von der Vollendung her betrachtet, wird das Leben insgesamt intensiver und erfüllter!

So wünsche ich Ihnen, dass Gott Ihnen immer mehr diese österliche Lebensperspektive eröffnet!

 

Ihr

Christoph Maria Kohl

Impuls 8 für die Woche vom sechsten Sonntag der Osterzeit, 17.-24. Mai 2020

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1.

Worauf es entscheidend ankommt, dass es uns in der Corona-Zeit und danach gut geht: Spürbare SOLIDARITÄT

Wenn man krank ist und Schmerzen hat, wenn man Sorgen hat oder in einer persönlichen Krise ist, dann erfordert das Aufmerksamkeit, dann ist man mehr als sonst mit sich selbst beschäftigt – und die Gefahr wächst, dass der Blick für die anderen eingeschränkt ist, bis dahin, dass man um sich selbst kreist. Das gilt nicht nur für Einzelne, sondern auch für Gruppierungen und für die Gesellschaft als ganze, wenn sie in einer Krisenzeit sind.

Die Corona-Pandemie bringt diese Gefahr auch mit sich. Sie erfordert unsere Aufmerksamkeit und dass wir uns gut darauf einstellen. Je mehr jemand aber Sorgen hat um seine Gesundheit, um die finanzielle Zukunft der Familie, um seinen Arbeitsplatz, wegen der eingeschränkten Lebensmöglichkeiten usw., je mehr Ungewissheit, Verunsicherung und Angst um sich greifen, desto größer ist die Gefahr, dass das im Blick ist – und vieles und viele andere aus dem Blick geraten. Eine solche oft unmerkliche Horizont-Verengung hat aber ungute Folgen für alle.

Denn darunter leidet genau die Grundhaltung, ohne die wir die Krise und die Zeit danach nicht bestehen können: die Solidarität. Dieses Fremdwort wird meist mit „Zusammengehörigkeitsgefühl, Gemeinsinn“ übersetzt. Als Grundpfeiler der katholischen Soziallehre meint es aber mehr. Zu Solidarität als Grundhaltung gehört:

  • Empathie: Die Situation mit den Augen der anderen sehen; sich in diejenigen hineinversetzen, denen es in verschiedener Hinsicht schlechter geht als mir;
  • Com-passio: Mit-fühlen, Mit-leiden (das ist etwas anderes als „Mitleid“ im Sinn von wirkungslosem Bedauern!);
  • aktives Anteilnehmen daran, wie es den anderen geht, vor allem denen in Schwierigkeiten und Notlagen;
  • an diejenigen denken und denen wirksam beistehen, die irgendeine Art von Hilfe nötig haben, die benachteiligt - in Not - hilflos sind;
  • mit denen teilen, die sonst nicht gut durchs Leben kommen würden;
  • als „Stärkere“ den „Schwächeren“ helfen (statt sie in ihrer Bedürftigkeit allein zu lassen oder gar davon zu profitieren, also sie auszunutzen);
  • soziale und weltweite Gerechtigkeit: „Gutes Leben für alle!“ (Titel einer Kampagne des Katholikenrats und Bistums Speyer zusammen mit MISEREOR).

In der jetzigen Pandemie-Zeit und in der Phase danach mit all den Herausforderungen, die sie mit sich bringen wird, ist SOLIDARIATÄT mehr gefragt denn je. Ja, ohne spürbare, wirksame Solidarität, vom privaten Lebenskreis bis weltweit, wäre unser Leben dauerhaft sehr beeinträchtigt.

Umgekehrt birgt die Corona-Krise in sich die Chance, dass aufleuchtet, wie sehr wir aufeinander angewiesen sind, wie wichtig Solidarität ist.

Schon das Abstand-halten und das Tragen einer Mund-Nase-Maske sind Ausdruck von Solidarität - mit denen, die vom Virus stärker bedroht sind. Einkaufen für Ältere und neu aufgelebte Nachbarschaftshilfe sind Zeichen von Zusammengehörigkeitsgefühl – und verstärken es!

Bei den Super-Reichen in unserer Gesellschaft ist ihre Solidarität mit den Mitbürgern und Betrieben, die es arg gebeutelt hat, jetzt besonders gefragt.

Und ohne eine weltweit bessere Verteilung der Lebenschancen leiden Millionen von Menschen – und gefährden wir selbst unseren eigenen Wohlstand.

Pfarrer Pirmin Spiegel, der Hauptgeschäftsführer von MISEREOR, der aus unserer Diözese stammt und mit dem ich befreundet bin, hat mir geschrieben:

„Zeiten wie diese sind Knotenpunkte der Entwicklung. Jede Krise birgt Chancen oder eben Gegenteiliges in sich. Risikoexperten sagen, dass sich Dynamiken wechselseitig verstärken und großen Schaden anrichten können.

Was es zu verhindern gilt: Wir mögen uns das gar nicht vorstellen, welche humanitären Katastrophen Corona in afrikanischen und anderen armen Ländern anrichten könnte, deren Gesundheitssystem schwach sind, in denen viele Menschen in Slums auf engstem Raum zusammenleben und in denen es keine sozialen Absicherungsmechanismen gibt. Oder denken wir an Flüchtlingslager, z.B. in Idlib. Da ist fast alles prekär, und es mangelt an Hygiene, sauberem Wasser, Desinfektionsmittel, Schutzkleidung, Sicherheit, Unterkünften...  Krankenhäuser sind zerbombt. Wir wissen, dass ökonomische und soziale Zusammenbrüche und Gewalt dazu führen, dass ganze Staaten scheitern. Humanitäre Desaster werden dann zu Fragen der internationalen Sicherheit.“

Wenn, verstärkt durch die Corona-Auswirkungen, in den armen Ländern ganze Volkswirtschaften in die Knie gehen und die Menschen nicht mehr wissen, wie es weitergehen soll, dann kann es zu bisher nie dagewesenen Wanderungsbewegungen kommen. Wer kann es einer Mutter in der Sahel-Zone verdenken, wenn sie sich Richtung Europa aufmacht, weil sie nicht möchte, dass ihre Kinder elend verhungern!

Durch die Corona-Auswirkungen jetzt und in Zukunft wird wie durch ein Brennglas verstärkt deutlich: Es kommt entscheidend auf unsere Solidarität im Kleinen und im Großen an, wenn wir auch in Zukunft alle miteinander ein Leben in Frieden und Wohlstand führen wollen.

 

2.

Beten beim Zeitungslesen

Auf den Zeitungsseiten kommt mir jeden Morgen vieles von dem vor Augen, was in unserer Welt gerade los ist. Die aktuellen politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen, die internationale Lage, die Krisenherde der Welt; Unglücke, Katastrophen, Verbrechen. Und das, was sich in unserer Stadt und Region alles abspielt. Dabei kommen immer auch persönliche Schicksale in den Blick, Menschen, die es im Leben nicht leicht haben.

Das alles serviert mir die Zeitung bereits zum Frühstück. Dann ist die Frage, mit welchem Blick, mit welcher Einstellung ich all das lese. Was es in mir auslöst. Ich kann es sensationslüstern konsumieren. Ich kann es teilnahmslos zur Kenntnis nehmen. Ich kann aber auch innerlich Anteil nehmen an dem, was passiert ist, was Menschen widerfahren ist.

Wenn das Zeitunglesen mit einem Mitgefühl mit den betroffenen Menschen geschieht, dann ist der Weg zu einem Gebet nicht mehr weit. Dann steigt ab und zu fast von selbst ein innerer Seufzer zum Himmel – über das, was geschehen ist. Dann kommt aus dem Herzen das eine oder andere Stoßgebet, eine spontane Bitte für die Menschen, die in der Zeitung erwähnt sind. Dann ergeben sich beim Lesen fast automatisch Fürbitten für unsere Welt und für die Menschen, Bitten um den Beistand Gottes dort, wo Not herrscht.

So animiert mich die Zeitung jeden Tag dazu, bestimmte Menschen Gott besonders ans Herz zu legen. Und das Gebet für sie verbindet mich dann auch innerlich mit ihnen und mit Gott. Beim Zeitunglesen beten – diese Chance möchte ich mir nicht entgehen lassen.

Probieren Sie es mal aus!

Mit einem herzlichen Gruß

 

Ihr

Christoph Maria Kohl

Impuls 7 für die Woche vom fünften Sonntag der Osterzeit, 10.-16. Mai 2020

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1.
Zurück zur früheren „Normalität“ – oder Chance für ein bewussteres Leben?

Am Freitag, 8.5.2020, steht auf der Wirtschaftsseite der „Rheinpfalz“: „Viele Verbraucher wollen ihr Verhalten aufgrund der Corona-Krise ändern. Sie wollen auch nach Abflauen der Pandemie weniger reisen, seltener ins Kino oder in Konzerte gehen und sie wollen einen Bogen um öffentliche Verkehrsmittel machen. Das geht aus einer am Donnerstag veröffentlichten repräsentativen Umfrage des Marktforschungsunternehmens McKinsey hervor. … Rund 30 Prozent kündigten an, künftig weniger Geld für Luxusprodukte oder überflüssige Einkäufe ausgeben zu wollen. …“

Das bedeutet offensichtlich, dass manche Gewohnheiten von vor der Corona-Krisenzeit jetzt überdacht und neu bewertet werden – mit konkreten Folgen für das Alltagsverhalten. Ist das nicht eine Chance dieser unseligen Pandemie? Die Chance, einmal innezuhalten, manches zu überdenken, bewusster zu leben, ja noch mehr MEIN Leben zu führen statt mit dem mitzuschwimmen, wie „man“ in unserer Gesellschaft so lebt?

Vieles an Lebensgewohnheiten, die so selbstverständlich zum Leben dazugehört haben, dass einem das gar nicht mehr bewusst war, sind in den letzten Wochen weggebrochen, unmöglich geworden. Dadurch ist ein äußerer und innerer Leerraum entstanden – der aber auch ein Freiraum ist. Einerseits vermissen wir vieles schmerzlich. Andererseits entsteht auch eine hilfreiche Distanz zu manchem, die es erlaubt, es mal in den Blick zu nehmen und neu Stellung dazu zu nehmen.

 

Interessant bei der zitierten Umfrage ist ja z.B., dass viele jetzt erkennen, dass Sie in der Vergangenheit bei „überflüssigen Einkäufen … Luxusprodukte“ erworben haben – und in Zukunft darauf verzichten wollen (und können!).

So gesehen liegen in der Corona-Ausnahmesituation Fragen in der Luft, die sich sonst vielleicht nicht so deutlich oder bedrängend stellen. Und es kann nur gut sein, sich diesen Fragen zu stellen und sich persönlich (oder als Familie) damit auseinanderzusetzen:

•    Was hat mir in den vergangenen Wochen gefehlt? Was habe ich (in den verschiedenen Dimensionen des Lebens) schmerzlich vermisst?

•    Was ist mir für mein Leben unverzichtbar wichtig?
•    Was brauche ich, damit es mir gut geht?
•    Wovon erhoffe ich mir konkret, dass es mich glücklich macht?

•    Woran hängt mein Herz?

•    Worauf kann ich ohne Verlust für mein Lebensglück verzichten?
•    Gibt es Überflüssiges, „Luxus“, ja Ballast (an Materiellem und Lebensgewohnheiten), das ich vermeintlich brauche, damit es mir gut geht?

•    Was ist das Wesentliche in meinen Leben und für mein Leben?

•    Worauf möchte ich verzichten, was möchte ich anders machen, damit mein Leben bewusster, intensiver, sinnvoller, erfüllender wird?

•    Gönne ich mir „meinen Lebensstil“? Was zeichnet ihn – und von daher mich! – aus?

•    Worauf soll es mir / uns in meinen Leben wirklich ankommen? Von welchen Zielen und Werten soll mein Leben faktisch geprägt sein?

•    Was möchte ich konkret ändern?


Wer sich diese Fragen stellt – und wer sich diesen Fragen stellt (denn sie können „ans Eingemachte gehen“) –, der kann für sein Leben und für seine Persönlichkeit nur gewinnen.

 

Zumal er dann einer Gefahr entgeht, die ganz generell, unabhängig von der Corona-Ausnahmesituation, lauert: Viele Menschen merken nicht, dass sie selbst ihr Lebensglück an diverse Bedingungen knüpfen; dass sie ihr Wohlergehen von allem Möglichen abhängig machen. Unbewusst funktioniert das dann nach dem Schema: „Genauso muss es in meinem Leben sein, damit ich glücklich sein kann.“ „Wenn ich nicht dies oder jenes bin oder hinbekomme, dann kann ich mit mir nicht zufrieden sein.“ „Wenn ich das eine oder andere nicht habe, kann es mir nicht gut gehen.“ Wieso eigentlich nicht? Weil ich das so festgelegt habe! Weil ich selbst mein Lebensglück davon abhängig gemacht habe!  

Es gibt aber keine objektive Gesetzmäßigkeit oder Vorgabe, was nötig ist, damit ich richtig glücklich und zufrieden sein kann. Eine blinde Frau in meinem Freundeskreis hat mir gesagt, dass sie rundherum glücklich ist – und das kann ich ihr auch abnehmen. 100% lebensfroh, obwohl jemand stark gehandicapt ist – das geht also. Schade, wenn jemand sein Lebensglück unnötigerweise von allem Möglichen abhängig macht – und es damit vermindert oder verpasst. „Die Freude steckt nicht in den Dingen, sondern im Innersten unserer Seele“ sagt Therese von Lisieux, einer meiner Lieblingsheiligen.

Deshalb ist es gut, wenn ich dahinterkomme, welche heimlichen Bedingungen für mein Wohlergehen sich bei mir eingeschlichen haben. Und es ist förderlich für mein Lebensglück, wenn ich bewusst entscheide, was mir für mein Leben wichtig ist.

2.
Das „Seelennebelgebet“

Wenn die frisch gepflügten Felder im Frühjahr oder Herbst im Licht der Morgensonne daliegen, dann sieht man gelegentlich aus diesen Feldern Nebelschwaden aufsteigen, die von Sonnenstrahlen durchflutet sind. Danach hat P. Willi Lambert SJ, Lehrmeister der ignatianischen Spiritualität, eine Gebetsform benannt: Das „Seelennebelgebet“ (in: Willi Lambert, Gebet der liebenden Aufmerksamkeit, Paulinus-Verlag Trier, 2010 u.ö., S. 44-45).

Am besten legt man sich dazu ausgestreckt auf den Boden, auf eine Liege oder auf das Bett – ausgestreckt wie ein kleines Stück Land. Und dann pflügt man mit einer Frage oder einem Wunsch sein Inneres auf und lässt die Nebel, Gefühlsnebel und Wunschnebel und Gedankennebel, die da kommen, einfach emporsteigen. Sie können dann ähnlich wie die Nebel über den Feldern „nach oben wegdampfen“.

Man kann sich so auch den o.g. Fragen öffnen und dazu das kommen lassen, was kommt. Alles aufsteigen und zur Ruhe kommen lassen in Gott, von dem der Beter des Psalms 139 singt und schreibt:

 „Herr, du hast mich erforscht und du kennst mich.
Ob ich sitze oder stehe, du weißt von mir.
Von fern erkennst du meine Gedanken.
Ob ich gehe oder ruhe, es ist dir bekannt.
Du bist vertraut mit all meinen Wegen.“        (Ps 139, 1-3)


Dass Sie so sich selbst und Gott näher kommen,
das wünsche ich Ihnen von Herzen!

Ihr
Christoph Maria Kohl

Impuls 6 für die Woche vom vierten Sonntag der Osterzeit, 3.-9. Mai 2020

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1.

Wie mit Spannungen umgehen

Entspannung steht hoch im Kurs. Kein Wunder. Bei vielen wird das Leben immer stressiger. Die momentane Situation tut das ihre dazu. Da ist es gut, dass es ganz unterschiedliche Methoden zur Entspannung gibt.

Dabei helfen soll auch spezielle Musik zum Runterkommen. Die funktioniert bei mir aber nicht – ich komme dadurch nicht wirklich zur Ruhe. Das wundert mich nicht. Manche Entspannungs-Musik ist ganz getragen, sie plätschert ohne jegliche Dynamik vor sich hin. Sie vermeidet die Spannungsbögen, die sonst zur Musik gehören. Es gibt kein Auf und Ab von Bewegung und Lautstärke, das die Musik ausmacht. Genau dadurch aber verfehlen die Wohlfühl-CDs ihr Ziel. Wirksame Entspannung tut nicht so, als ob es keine Spannungen gäbe. Sie greift sie auf, sie führt durch die Spannungen hindurch, damit sich genau dadurch innerlich etwas lösen kann. Das scheint eine Gesetzmäßigkeit zu sein, auch über die Musik hinaus.

Zur Lebenskunst gehört offensichtlich, dass jemand gut mit Spannungen umgehen kann. Innere und äußere Spannungen gehören zum Leben dazu. Leben heißt doch, ausgespannt sein zwischen Himmel und Erde, zwischen mir und den anderen; ausgespannt sein zwischen Vergangenheit und Zukunft, zwischen Wunsch und Wirklichkeit. Seitdem ich die Spannungen, die ich um mich erlebe und in mir spüre, bewusst annehme, seitdem ich zu ihnen „Ja“ sage, seitdem tue ich mir damit leichter. Und ich merke: Spannungen unter den Tisch kehren hilft nicht. Wenn ich mich ihnen stelle, dann kann ich mich in den Spannungsfeldern des Lebens gut bewegen und sie besser gestalten.

Dann kann ich auch ihre positive Seite sehen: Beim Strom fließt nichts ohne Spannung. Auch im Leben bewirkt die richtige Spannung Gutes: Sie hält einen Menschen aufrecht, sie bringt etwas in Bewegung, sie setzt Energie frei.

Es ist hilfreich, wenn ich die Spannungen in meinem Leben und in mir selbst auch positiv sehen kann. Dann kann ich besser mit ihnen umgehen – und dann kann ich mich auch wirksamer entspannen. Und so bin ich wieder bereit für das spannungsvoll Neue, das auf mich zukommt.

2.

In meiner Gebetsecke in meiner Wohnung liegt u.a. ein Gebet, das ich besonders dann bete, wenn die eine oder andere Spannung mich doch zu sehr bedrängt:

 

Gott zwischen uns

Es sei die Kraft Gottes
zwischen uns und aller Schwäche,

das Licht Gottes
zwischen uns und aller Finsternis,

das Leben Gottes
zwischen uns und allem Tod,

die Liebe Gottes
zwischen uns und allem Seufzen,

die Ruhe Gottes
zwischen uns und allem Wahnsinn.

Gottes Gegenwart ist bei uns
heute und immer.

(Gebet der Ökumenischen Gemeinschaft der Iona Community; in: Das Göttliche. Frauen suchen und finden. Gedanken und Kunst von Frauen aller Welt; hg. von Missio Aachen,
www.missio-shop.de; abgedruckt in missio-Magazin 4/2019, S. 27)

 

Dass Sie gerade in der momentan herausfordernden Zeit die Gegenwart Gottes spüren,

das wünsche ich Ihnen von Herzen!

 

Ihr
Christoph Maria Kohl

 

Impuls 5 für die Woche vom dritten Sonntag der Osterzeit, 26. April - 2. Mai 2020

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1.

Wegen der hohen Ansteckungsgefahr durch das heimtückische Virus sind die Kontakt- und Begegnungsmöglichkeiten im öffentlichen Raum, im Beruf und im Privaten nach wie vor eingeschränkt – und vieles davon wird noch länger weitergehen und uns belasten.

Wir sollen möglichst zuhause bleiben (v.a. die Angehörigen der Risikogruppen), möglichst keine Besuche empfangen oder machen. Familienfeste u.ä. fallen fast ganz aus. Es ist nicht möglich, dass wir uns im Gasthaus oder Restaurant und auf schönen Plätzen treffen – auch nicht zu Chorproben.

Und wenn man sich sieht: Keine herzliche Begrüßung mit Handschlag, Umarmung oder Kuss. Wir müssen sicherheitshalber auf Abstand voneinander bleiben. Ja, man muss auf der Straße oder in Geschäften um alle anderen „einen Bogen machen“ – um mindestens 1,5 m Abstand zu wahren.

Wegen der Ansteckungsgefahr ist das alles bitter notwendig. Aber es ist ein unnatürliches, fast absurdes Verhalten, das wir da an den Tag legen müssen. Weil das Miteinander in einem Maß beschnitten ist, dass etwas Lebenswichtiges zu kurz kommt. Der Mensch ist grundlegend auf Gemeinschaft angelegt. Und es gehört dazu, dass wir die menschliche Nähe zu anderen mit Gesten, durch spürbare körperliche Zuwendung, ausdrücken. Das tut gut – und das geht jetzt zum großen Teil nicht.

Das ist nicht nur ungewohnt, sondern das schmerzt – weil derzeit eben eine Ur-Sehnsucht des Menschen nicht so gestillt werden kann, wie es aus gutem Grund einfach zum Menschsein und zum Alltagsleben dazu gehört.

Aber die Tatsache, dass wir das schmerzlich vermissen, hat auch eine positive Auswirkung: Die Bedeutung, der Wert dessen, was wir konkret vermissen, leuchtet auf. Es wird spürbar,

wie wichtig das Miteinander, ein Treffen, ein tieferer Austausch, das Zusammensein mit Freund/inn/en, eine gemütliche Runde von Gleichgesinnten, … - überhaupt: wie wichtig Begegnung und Gemeinschaft, die Dimension der Mitmenschlichkeit, für unser Leben sind.

Und ich erlebe, dass das auch konkrete, positive Auswirkungen im Alltag hat: Derzeit sind die Menschen insgesamt offener füreinander, nehmen einander bewusster wahr und sind kommunikativer als vor der Corona-Zeit.

Das habe ich auf verschiedene Weise erfahren:

Beim Joggen am Rheinufer (abends, wenn wenig Leute dort unterwegs sind) laufe ich an zwei Jugendliche im besten Pubertäts-Alter vorbei, die mich 64jährigen sonst keines Blickes gewürdigt hätten – jetzt rufen sie mir ein freudiges „Hallo!“ zu – auch, als das zweite Mal an ihnen vorbei gejoggt bin!

Beim spätabendlicher Spaziergang durch die Altstadt grüße ich einen Mann, der mir entgegenkommt – der einzige Mensch, der mir auf der Runde begegnet ist – und er grüßt zurück, bleibt stehen – wir reden eine Viertelstunde miteinander – und er gibt mir einen Gruß an unseren Weihbischof mit, der mit ihm in der Schule war. „Zufall“: Am nächsten Abend treffen ich ihn wieder – und wir führen das Gespräch weiter.

Von einer Optikerin habe ich erfahren, dass die Leute im Laden jetzt aufmerksamer für sie und die anderen sind und dass sie ihr im Unterschied zu vorher in die Augen schauen statt irgendwohin.

Wenn ich Bekannte in der Stadt oder am Rhein treffe, bleiben wir alle stehen und halten – in der notwendigen äußeren Distanz – ein Schwätzchen. Früher, vor Corona, hätten wir uns vermutlich nur kurz gegrüßt, und dann wäre jeder gleich wieder seiner Wege gezogen.

Und insgesamt erwidern die Leute viel mehr als vor der Corona-Zeit meinen Gruß oder ein freundliches Kopfnicken, das ich ihnen im Vorbeigehen zuschicke. Ich bin auf dem Dorf aufgewachsen, wo es selbstverständlich war, dass man einander im Vorbeigehen grüßt.

Weil viele Möglichkeiten der Mitmenschlichkeit und der Gemeinschaft, ihres Ausdrucks und ihrer Feier unmöglich sind, ist offensichtlich die Sensibilität für diese Grunddimension des Menschseins und des Lebens größer geworden. Viele nehmen die anderen bewusster wahr. Das ist ein Gewinn – nicht nur jetzt, mitten in allem, was uns fehlt, sondern hoffentlich auch für „die Zeit danach“. Wir können das, was sich jetzt da tun, für das eigene Erleben und für das Zusammenleben nachhaltig fruchtbar machen.

Deshalb mein Vorschlag: Nehmen Sie gerade jetzt Ihre Mitmenschen ganz bewusst wahr. Pflegen Sie die Mitmenschlichkeit mit den kleinen Zeichen und Gesten, die auch jetzt möglich sind – und die jetzt besonders gut tun, ja nötig sind. Zum Beispiel auch ein liebes Wort an der Supermarkt-Kasse – darüber freut sich die Kassiererin, und aus einem Geschäft wird mit einem Mal eine kleine Begegnung von Mensch zu Mensch. Das wirkt übrigens auch positiv auf Sie selbst zurück. Jede Geste der Mitmenschlichkeit tut der eigenen Seele gut – und verstärkt in Ihnen und im anderen eine Haltung und Verhaltensweisen, die das Leben intensiver und erfüllender machen: „Alles wirkliche Leben ist Begegnung.“ sagt Martin Buber.

 

2.

Sie können noch einen Schritt weiter gehen: Sie können den anderen segnen, ein inneres Segensgebet für ihn und über sie sprechen.

Das sind wir leider nicht so gewohnt. Bei „Segen“ denken die meisten an den Segen durch den Priester am Ende der Messe – und vielleicht noch an den päpstlichen Segen „Urbi et orbi“. Aber jede/r, der/die auf die Hilfe und den Beistand Gottes hofft, kann (einen) Mitmenschen segnen. Unsere Mutter hat uns vier Kindern immer ein kleines Segenskreuz auf die Stirn gezeichnet, wenn wir morgens aus dem Haus gegangen sind.

Was bedeutet das, wenn Sie einen Mitmenschen mit einem stillen Gebet oder auch einer äußeren Geste segnen? Das bedeutet zunächst, dass Sie es gut mit ihm meinen und ihm Gutes wünschen - Gutes, das Gott, die Quelle des Lebens, ihm oder ihr schenken möge. Es ist eine konkrete Bitte an Gott für diesen Menschen – im Vertrauen auf IHN, der uns allen „Leben in Fülle“ (Joh 10,10) schenken möchte.

„Segnen“ heißt auf Lateinisch „benedicere“. Wörtlich übersetzt: „bene-dicere“ – „gut-sagen“, gutheißen, Gutes wünschen. Wenn Sie einen Mitmenschen segnen, dann bedeutet das, dass Sie sich in das „Ja“, das Gott schon immer bedingungslos zu diesem Menschen (und zu Ihnen selbst!) gesagt hat und immer wieder neu sagt, einschwingen und es mitvollziehen: Sie sagen mit Gott „Ja!“ zu diesem konkreten Menschen. Das heißt: Sie tun damit „etwas Göttliches“, etwas, was Gott selbst tut und durch Sie tun möchte: Sie bejahen diesen Menschen, heißen ihn gut: „Ich freue mich darüber, dass Du da bist und dass wir uns sehen. Und ich empfehle Dich Gott an – damit Du sein Wohlwollen und seinen Schutz spürst und mehr zu Dir selbst und zu Deinem Lebensglück findest. Möge Gott Dir vor allem dort beistehen, wo Du seine Fürsorge jetzt besonders gut brauchen kannst.“

Wenn Sie in dieser Einstellung ein inneres „Sei gesegnet!“ oder „Der Segen Gottes möge mit Dir sein!“ sagen, dann treten Sie mit Gott und über Gott in Beziehung zum Nächsten und vertiefen Ihre Beziehung zu ihm, gleich, wer es auch sei, und gleich, wie nahe oder fern sie ihr stehen. Und warum nicht auch Ihre Ehefrau oder Ihren Ehemann oder die Kinder mit einem lieben, persönlichen Wort und einer kleinen Geste ausdrücklich segnen?! Bene-dicere, Gutes sagen, Gutes zusprechen, noch dazu im Namen Gottes, kann Wunder wirken und ist auf jeden Fall zutiefst lebensförderlich. Denn so werden auch Sie selbst zu einem Segen für die anderen!

Der bekannteste biblische Segen dürfte der sogenannte aronitische Segen (Num 6, 24-26) sein:

„Der Herr segne dich und behüte dich.

Der Herr lasse sein Angesicht über dich leuchten und sei dir gnädig.

Der Herr wende sein Angesicht dir zu und schenke dir Frieden.“

 

Das wünsche ich Ihnen von Herzen!

Ihr

Christoph Maria Kohl

 

Impuls 4 für die Woche vom Weißen Sonntag, 19.-25. April 2020

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1.

„Wir alle spüren, dass der Einschnitt, den wir jetzt erleben, unsere Welt verändern wird. Nicht nur, dass der Weg in die ‚Normalität‘ uns noch viele Verzichte abverlangen wird, sondern dass diese ‚Normalität‘ ein anderes Gesicht haben wird.“ „Aber nicht nur wir – die ganze Menschheit muss sich neu orientieren.“ Das sagte Bischof Wiesemann in der Chrisam-Messe am Gründonnerstagmorgen.

Ähnlich Bundespräsident Steinmeier in seiner Ansprache zwei Tage später: „Und für uns alle die bohrende Ungewissheit: Wie wird es weitergehen? … Wir alle sehnen uns nach Normalität. Aber was heißt das eigentlich? Nur möglichst schnell zurück in den alten Trott, zu alten Gewohnheiten? … Nein, die Welt danach wird eine andere sein.“

Wir leben derzeit in einer doppelten Ungewissheit. Zum einen ist nicht abzusehen, wie lange noch Kontaktbeschränkungen, Schließungen, Veranstaltungsverbote usw. zur Verringerung der unmittelbaren Ansteckungsgefahr unser gewohntes Leben stark beeinträchtigen. Zum anderen ist ganz unklar, wie die Folgen von Covid 19 unsere Welt und unser gewohntes Leben nachhaltig verändern werden: Langfristige Schutzmaßnahmen vor Infektion, bis Impfstoff für alle da ist; Rezession, Verlust von Arbeitsplätzen, persönliche Krisen durch Wegbrechen der (finanziellen) Existenzgrundlage; soziale Spannungen; Auseinandertriften der (europäischen) Staatengemeinschaft durch nationalstaatliches Abschottungsdenken u.ä.

Vieles, was für uns selbstverständlich war, geht derzeit nicht – und wird vielleicht nie wieder so sein „wie vorher“. „Die Welt danach wird eine andere sein.“ hat der Bundespräsident ganz bewusst in seiner Ansprache gesagt. Veränderungen kommen auf uns zu, womöglich gravierende und langfristige. Kein Wunder, wenn das viele verunsichert oder Ängste auslöst.

Gewohnheiten – das, was zum Leben dazugehört und wie es geht – was wir uns in Zeiten des Wohlstands selbstverständlich leisten können – wirtschaftliches Wachstum und positive Zukunftsaussichten - all das prägt die Bahnen, in denen sich das Leben bewegt, und all das gibt auch Sicherheit, einen gewissen Halt: „So geht Leben, und darauf kann ich mich verlassen.“

Und wenn dieses Selbstverständliche, diese Sicherheit wegbricht? Je gravierender die bedrohlichen Veränderungen sind, die unerwartet und ungewollt über uns hereinbrechen, desto mehr kann das verunsichern.

Denn wir brauchen ja Sicherheit für unser Leben – Verlässliches, das uns Halt gibt. Die Frage ist nur, was wirklich guten Halt und echte Sicherheit geben kann. Wenn äußere „Sicherheiten“ wegbrechen, ist die innere Sicherheit umso wichtiger.

Wenn das, was mein Leben faktisch ausfüllt, unreflektiert meinen Lebenssinn bestimmt; wenn ich unbewusst an dem hänge und keine positive, kritische Distanz zu dem habe, was alles so selbstverständlich scheint; wenn das Leben sich gewohnheitsmäßig in festen Bahnen bewegt – dann gibt das eine trügerische Sicherheit, die sehr zerbrechlich ist, wenn die äußeren Bedingungen sich ändern – wie es jetzt der Fall ist. Dann ist mit den äußeren Veränderungen das weg, was faktisch Halt und Sicherheit gegeben hat.

So gesehen ist eine Krisenzeit wie die derzeitige (die noch länger andauernd wird) eine „Stunde der Offenbarung“: Es zeigt sich zunächst, wie es um meine Sicherheit und meinen Halt bestellt ist. Das kann eine Ent-Täuschung mit sich bringen. Aber auch dann ist es hilfreich, wenn ich weiß, wie es wirklich um mich steht. Wenn ich wahrnehme, woran ich mich faktisch festhalte; was alles ich brauche, damit es mir gut geht. Je mehr unreflektierte Gewohnheit hierbei im Spiel ist, je mehr ich mich unbewusst an Gewohntes klammere, desto mehr mache ich mich innerlich davon abhängig – mit der Folge, dass das Lebensglück auf dünnem Eis steht.

Auf jeden Fall gilt: Je stärker meine innere Sicherheit ist, desto weniger werfen mich äußere Veränderungen um, desto besser kann ich mit ungewollten Veränderungen umgehen. Deshalb ist die Frage wichtig, wie die innere Sicherheit wachsen kann.

Es geht um das, was mir inneren Halt geben kann; um das innere Fundament, auf dem ich mit meinem Leben stehe. Je besser ein Baum in der Tiefe verwurzelt ist, desto weniger können ihm Stürme etwas anhaben!

Genau das kann uns der Glaube geben. Je tiefer ich in Gott verwurzelt bin, je mehr das Vertrauen auf IHN mir Halt gibt, je mehr ER das feste Fundament meines Lebenshauses ist, desto größer ist meine innere Sicherheit – auch und gerade dann, wenn vermeintliche äußere Sicherheiten wegbrechen.

Auch diese Erfahrung spiegeln viele Psalmen wider (Gott als „mein Fels“, „meine Burg“ – gerade in Not und Bedrängnis: s. Ps 18, 3.47; Ps 59, 10.17.18; Ps 62, 3.7.8; Ps 91, 2).

Und vor allem sehr wir es an Jesus Christus selbst. Was hat Jesus in seinem Leben (und Sterben!) Halt und Sicherheit gegeben? Bei ihm gab es keine äußeren, materiellen Sicherheiten, keine dumpfen Selbstverständlichkeiten, kein Wie-man-so-lebt, kein gewohnheitsmäßiges business-as-usual.  

Was brauchte er zum Glücklichsein? Was hat ihn getragen? Was hat ihm diese große innere Sicherheit gegeben („Ich aber sage euch …“)? Seine innere Sicherheit erwuchs aus seiner Gottesverwurzelung. Er wusste sich vom Vater im Himmel bedingungslos geliebt. Er hat gespürt, dass Gott hinter ihm steht und ihn stärkt. Er hat in und aus der inneren Verbindung mit Gott gelebt. Er hat sich auch im Gebet immer wieder in IHN hineinvertieft. So konnte er je neu mit Lebenskraft und Geist erfüllt werden. Und er hat das Wirken Gottes in seinem Leben und bei den Menschen wachen Herzens wahrgenommen und war davon erfüllt. So konnte er als Freund des Lebens und der Menschen auch auf vielfältige Weise heilsam wirken – er war selbst als Person eine Frohe Botschaft für die Menschen.

Seine Gottesverwurzelung hat ihm Erfahrungen ermöglicht, die ihn dann weiter gestärkt haben. So hat er in großer Souveränität SEIN Leben gelebt – bis hin zu der Freiheit, es für die Menschen hinzugeben. Seine innere Sicherheit und Freiheit waren so groß, dass er sich im Sterben total verunsichern lassen konnte – im Vertrauen auf seinen Vater im Himmel.

Wer sich auf den Weg macht, Gott zu vertrauen und Jesus nachzufolgen, der kann auch in dessen innere Sicherheit immer mehr hinein wachsen. Dann können wir auch so manches loslassen, was nur scheinbar von außen her Sicherheit vermittelt. Und dann können wir mit Krisen und großen Herausforderungen viel besser umgehen.


2.

Um in die innere Sicherheit, die Jesus ausgezeichnet hat und die er auch uns schenken möchte, hinein zu wachsen, kann es hilfreich sein, diese Texte zu lesen und betend zu internalisieren:

•    Die oben angegebenen Psalmen
•    Lieder zu  „Vertrauen und Trost“, Gotteslob 414 – 435
•    Gebete zu „Vertrauen“ im Gotteslob 8, 5-7

Und ich empfehle Ihnen ein Gebet des Franziskanerpaters Anton Rotzetter (aus: Gott, der mich atmen lässt. Gebete. Herder-Freiburg 1985 u. ö., S. 170):

„Mich loslassen
und in Dein Herz fallen
Vertrauen
und mein Leben auf Dich setzen
Auf Jesus schauen
und mich nach ihm richten
Ins Dunkle gehen
und mit Dir rechnen
Das will ich
mein Gott und alles“


Möge Gott Sie diesen Weg führen!

Domdekan Dr. Christoph Maria Kohl

Impuls für die Oster-Woche, 12.-18. April 2020

(hier auch zum Dowload)

1.
Ostern 2020 ist ganz anders als sonst. Aber es fällt wegen der Pandemie nicht aus und wird auch nicht verschoben. Ostern, das Fest der Auferstehung, das Fest vom Sieg des Lebens, ist gerade jetzt besonders wichtig für uns.

Vieles ist derzeit nicht möglich, was sonst zu unserem Leben selbstverständlich dazu gehört, auch zu den Ostertagen. Es ist ein von außen auferlegter Verzicht, der uns zusetzt. Viele leiden auf verschiedene Weise darunter. Erst recht schmerzlich ist es, wenn Menschen durch den Virus schwer krank werden oder gar sterben. Wir erleiden etwas, was wir nicht im Griff haben, nicht einfach so ändern können - und wobei wir nicht wissen, wie es weiter geht. Auch eine Art „Passion“.

Mitten in dieser Situation feiern wir Ostern, feiern wir, dass Gott Jesus Christus aus dem Tod herausgeholt hat und ihm neues Leben geschenkt hat. Wir feiern den Gott, der stärker ist als alles Tödliche in unserem Leben – und der mit Jesus auch uns alle aus der Macht des Todes herausreißt, nicht nur am Ende unseres irdischen Daseins, sondern jeden Tag neu – zu unserem Glück, zu unserem Heil.

Denn es gibt ja die „kleinen Tode mitten im Leben“. Schmerzliche Erfahrungen,

  • wo das Leben behindert und eingeschränkt wird,
  • wo wir es einander eng machen, wo sich mir das Herz zuschnürt,
  • dass wir anderen weh tun,
  • persönliches Fehlverhalten, das sich auf andere und unsere Beziehungen (und auf uns selbst!) auswirkt,
  • was den Fluss des Lebens hemmt, was zwischen Menschen steht,
  • Missverständnisse, Konflikte, Streit, Krieg und Vertreibung,
  • wo Menschen erniedrigt und gedemütigt werden, wo ihre Würde mit Füssen getreten wird, wo Menschen in ihren Grundrechten nicht geachtet werden,
  • wo innere Zwänge einem Menschen konkrete Lebensmöglichkeiten und die Freude am Leben sehr einschränken.
  • Misserfolg und Scheitern.

Solche Erfahrungen sind Beispiele dafür, dass es in unserem Alltag so manches gibt, was sich „lebensfeindlich“ auswirkt - Hemmnisse für das „Leben in Fülle“ (Joh 10,10), das Gott uns schenken will. „Mitten wir im Leben sind mit dem Tod umfangen“ heißt es in einem alten Lied (aus dem 11. Jahrhundert, in dem der Speyerer Dom gebaut worden ist!), das durch Martin Luther bekannt geworden ist.

Vor dem Hintergrund dieser Grund-Erfahrung feiern wir Ostern. Wir feiern das Leben, das GOTT uns schenkt, erst recht dort, wo wir nicht mehr weiterkommen, wo wir am Ende sind. Wir feiern die „göttliche Lebensqualität“, die ER uns schenkt – indem er die Grenzen, die der Tod und alles Tödliche im Leben uns setzen, sprengt. Nicht nur am Ende des Lebens, sondern im Hier und Heute. Befreiung und Erlösung ganz konkret, dort, wo wir sie nötig haben.

Das kommt in einem neuen geistlichen Lied zum Ausdruck (s. Gotteslob Nr. 472):

„Manchmal feiern wir mitten im Tag ein Fest der Auferstehung.
Stunden werden eingeschmolzen, und ein Glück ist da.

Manchmal feiern wir mitten im Tag ein Fest der Auferstehung.
Sätze werden aufgebrochen, und ein Lied ist da.

Manchmal feiern wir mitten im Tag ein Fest der Auferstehung.
Waffen werden umgeschmiedet, und ein Friede ist da.

Manchmal feiern wir mitten im Tag ein Fest der Auferstehung.
Sperren werden übersprungen, und ein Geist ist da.“

(Text: Alois Albrecht)

Ich hoffe, dass Sie solche Auferstehungs-Erfahrungen, solche Ostererfahrungen auch schon gemacht haben:

  • Ich bin in Sorge und Angst – und mit einem Mal wird mir neue Zuversicht und Hoffnung geschenkt.
  • Es fügt sich etwas; mir wird etwas zuteil, was ich so nicht erwarten konnte.
  • Etwas Bedrückendes fällt von mir ab – ich fühle mich innerlich freier.
  • Es gelingt mir etwas, das ich mir gar nicht zugetraut hätte.
  • Ich erlebe etwas, wobei es mir „leicht ums Herz wird“, wobei „mir das Herz aufgeht“.
  • Eine Erfahrung, eine Begegnung, bei der ich die Zeit vergesse, weil sie so intensiv und beglückend ist – und bei der ich ganz bei mir (und beim anderen und bei Gott) bin –  Erfüllung pur! Ein bisschen „Himmel auf Erden“.
  • Ich stehe da und bin einfach überwältigt von der Schönheit der Schöpfung oder von konkret erfahrener Liebe der Mitmenschen.
  • Es eröffnen sich konkrete Lebensmöglichkeiten, eine Lebenschance, an die ich gar nicht gedacht hätte.
  • Es ereignet sich etwas Unwahrscheinliches, für nicht Menschen-möglich Gehaltenes. Oder gar: Es passiert „ein Wunder“.
  • Ich finde Zugang zu einem Menschen, mit dem ich mir schwer getan habe. Eine Mauer von Nichtverstehen und innerer Distanz fällt in sich zusammen.
  • Aus Unversöhnlichkeit und Verhärtung heraus wird Verzeihung und Versöhnung geschenkt.
  • Es weitet sich etwas in mir, in meinem Innern; ich spüre deutlich eine neue innere Freiheit, eine stärkere Lebendigkeit, vielleicht auch eine tiefere innere Ruhe. Ich ruhe in mir und in Gott.

Solche Auferstehungserfahrungen spielt Gott uns zu – nicht nur an Ostern und nicht nur sonntags (jeder Sonntag ist ja ein kleines Osterfest!), sondern jeden Tag neu – weil er uns ja immer mehr in das „Leben in Fülle“ hineinführen will – und weil er möchte, dass wir Hier und Heute schon möglichst viel davon verkosten können.

Ich lade Sie ein, jetzt, an den Ostertagen und in der Osterzeit, einmal nach solchen Ostererfahrungen, nach kleinen und großen Auferstehungserfahrungen in Ihrem persönlichen Leben, in Ihrem Alltag Ausschau zu halten. Wenn wir sie wahrnehmen und innerlich verkosten und einmünden lassen in Lob und Dank an den, der uns so beschenkt – dann gewinnt unser Leben eine neue Intensivität und Tiefe, dann kann uns die „gottgeschenkte Lebensqualität“ immer mehr erfüllen.

2.
Was das Beten angeht: Wenn Sie bei sich erleben „Manchmal feiern wir mitten im Tag ein Fest der Auferstehung“, wenn Sie sich solcher Erlebnisse bewusst werden, dann kann diese „Ostererfahrung konkret“ einmünden in ein Stoßgebet, ein spontanes Gebet aus dem eigenen Erleben und Herzen heraus – oder in eine Art persönlichen Psalm, Ihr Gebet, etwa in Form einer Litanei (s. als Beispiel verschiedenste Litaneien im Gotteslob, Nr. 556-569), in der sich das niederschlägt, was Sie erlebt haben an, was Sie aufgerichtet und Ihnen neues Leben geschenkt hat.

 

Ich wünsche Ihnen, dass Sie auf diese Weise immer mehr österliche Menschen werden.

Domdekan Dr. Christoph Maria Kohl

 

Impuls für die Woche vom Palmsonntag, 5. April 2020
(hier auch als Download)

1.

Was uns gerade in dieser Krisenzeit besonders gut tun könnte ist eine „Kultur der Wertschätzung“.

Durch die Kontaktbeschränkungen und Homeoffice sind die meisten länger und enger in der Wohnung beisammen als sonst. Wenn die Arbeit außer Haus, soziale Kontakte und sonstiger Ausgleich wegfallen, wenn alle mehr oder ganz zuhause sind, wenn einem dazu noch die Kinder den ganzen Tag auf die Pelle rücken, dann kann das anstrengend werden. Alle sind mehr als sonst aufeinander angewiesen – und können sich auch „auf den Wecker gehen“. Das kann zu Spannungen und Konflikten führen – was kein Wunder ist. Und offensichtlich kommt es vermehrt zu Auseinandersetzungen, von unbedachten Vorwürfen bis hin zu häuslicher Gewalt.

Gerade in einer solchen, wirklich herausfordernden Situation – aber auch sonst „im ganz normalen Leben“! – tut es deshalb gut, bewusst das wahrzunehmen,

  • was mir an meinen Nächsten und den Mitmenschen, die ich treffe, gut tut,
  • was sie positiv ausstrahlen,
  • was ihre Stärke ist, ihre besonderen Fähigkeiten und Begabungen,
  • was sie auszeichnet und einmalig macht,
  • wo und wie sie sich für andere einsetzen,
  • wo und wie sie ein kleines „Licht der Welt“ sind (Jesus in der Bergpredigt: „Ihr seid das Licht der Welt.“ – s. Mt 5,14) und das Leben für die anderen ein wenig hell machen.

Den Blick dafür zu schärfen, das besser zu sehen, das ist eine Wohltat für alle Beteiligten. Das, was einem am anderen stört, das, womit er oder sie einem irgendwie zusetzt, das spürt man oft unmittelbar und sehr deutlich. Das Umgekehrte, das Positive, das Wohltuende, das wird einem oft nicht so automatisch bewusst – zumal es ja als selbstverständlich erscheint. Deshalb ist es hilfreich, wenn man eine Zeitlang diese „Wahrnehmungs-Übung“ macht, nämlich ganz bewusst die o.g. Punkte beim anderen zu suchen und im Herzen zu sammeln. Das kann dazu führen, dass ich Mitmenschen „mit anderen Augen sehe“, ja auch, dass ich ihn/sie neu schätzen lerne – weil ich das besser sehe, was ihn auszeichnet. (Übrigens sehe ich den anderen erst dann so, wie er wirklich ist, wenn ich ihn mit dem Blick des Wohlwollens und der Liebe betrachte.) 

Und dann kann ich noch einen Schritt weitergehen: Ich kann dem anderen das sagen, was ich an ihm entdeckt habe, womit er mit gut tut, was er sonders gut kann, was ihn auszeichnet usw. Das muss nicht gleich ein großes Feedback werden. Schon ein ausdrücklicher Dank und ein Lob für etwas, was Sie jetzt gerade positiv erlebt haben, tut seine Wirkung. Wenn das zur Gewohnheit und dadurch auch zur inneren Haltung wird, dann vertieft das die Beziehung zu den Mitmenschen insgesamt. Menschen, die eine Kultur der Wertschätzung und des Dankens ausstrahlen, die sind ein Geschenk für die Mitmenschen – und werden dabei auch selbst beschenkt!

Paulus schreibt den Christen in Korinth in seinem ersten Brief (1 Kor 12,11), dass „der Heilige Geist JEDEM seine besondere Gabe zuteilt“. Das bedeutet: Als Gabe, als Geschenk Gottes hat JEDER Mensch mindestens eine besondere Gabe, Fähigkeit, Kompetenz, Stärke, ein Charisma! Wenn wir das entdecken und schätzen lernen, dann können wir den anderen auch immer besser so sehen, wie Gott ihn sieht – wir lernen dadurch, die Mitmenschen mit den Augen Gottes zu sehen!!!

Ich lade Sie ein: Gehen Sie mal auf Entdeckungsreise im Kreis Ihrer Lieben und Ihrer Mitmenschen. Machen Sie die beschriebene „Wahrnehmungsübung“ – und versuchen Sie mal, dem anderen auch das zu sagen, was Sie dann garantiert sehen und spüren werden! Das kann Ihnen und den Menschen, mit denen Sie zusammen sind, gerade jetzt gut tun. Und darüber hinaus vertiefen Sie dadurch bei sich automatisch eine Haltung und Verhaltensweisen, die das Leben insgesamt erfüllter und auch Sie selbst glücklicher machen.

2.

Wenn Sie in dieser Krisenzeit Gott Ihre Sorgen, (Für-)Bitten, Fragen, Zweifel usw. hinhalten oder entgegenschleudern wollen; wenn es dran sein sollte, ihn zu fragen, was das Ganze soll, wo seine Hilfe bleibt, mit ihm zu hadern – dann können die Psalmen dazu sehr gute Anregungen geben. Die Psalmen sind Gebete und Lieder, die aus allen denkbaren Lebenslagen heraus verfasst worden sind, die viele existentielle Erfahrungen und Fragen aufgreifen. Schauen Sie das Buch der 150 Psalmen einmal durch (z.B. Ps 16, 27, 34, 91, 139) – vielleicht finden Sie „Ihren“ Psalm, der Ihre derzeitige innere Verfassung wiederspiegelt. Manchem hat es schon gut getan, dann „seinen eigenen Psalm“ zu schreiben, sein Gebet in der Art der Psalmen.

Auf jeden Fall können diese Lieder Israels und der Kirche Sie in Ihre eigene innere Tiefe führen – und Gott näherbringen.

(Empfehlenswert für die Lektüre der Psalmen, aber auch als Bibelübersetzung insgesamt, ist die neue „Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift 2016“, die auch in den Sonntagsgottesdiensten verwendet wird. Vom Verlag Katholisches Bibelwerk wird sie in verschiedenen Ausgaben vertrieben.)

Impuls 1 für die Woche vom Fünften Fastensonntag, 28. März 2020


Zwei Anregungen möchte ich Ihnen für die kommende Woche mitgeben.

1.
Mehrere Politiker/innen haben klar gesagt, dass die momentane Situation die größte Herausforderung für unser Land seit dem Zweiten Weltkrieg ist – das scheint mir nicht übertrieben zu sein. Das öffentliche und wirtschaftliche Leben ruht fast ganz – keiner weiß, wie lange das noch nötig ist. Und die Fachleute sagen, dass wir derzeit erst „die Ruhe vor dem Sturm“ erleben, dass die Ausbreitung des Virus unweigerlich noch weitergehen wird. Vielen setzen die Kontakt-Beschränkungen langsam zu; es gibt mehr Spannungen und Konflikte bei denen, die jetzt auf engerem Raum und länger als sonst zusammen sind. Und eben noch kein Ende in Sicht. Und die längerfristigen Auswirkungen können wir nur ahnen…

Das ist eine Situation der OHNMACHT. Wir sind dem Virus irgendwie ausgeliefert – und können nichts dafür tun, dass der Spuk morgen oder sehr bald vorbei ist. Wir können uns nur passiv schützen, indem wir eben soziale Kontakte – soweit möglich – meiden. Aber das verhindert eben nur eine noch schnellere Verbreitung des Virus; unsere Mittel gegen das Virus sind sehr begrenzt. Es gibt keine schnelle Lösung. Wir erleben unsere Ohnmacht.

„Ich kann / Wir können nichts (wirklich Wirkmächtiges) tun!? Wir sind ausgeliefert.“ - Ohnmacht zu spüren ist kein gutes Gefühl. Deshalb wird es oft abgetan oder verdrängt. Dann aber hat es – weil es ja im Innern da ist und weiterrumort – sehr ungute Auswirkungen. Dann führt es entweder zu Lähmung, Resignation, depressiver Verstimmung – oder zu wenig hilfreichem Aktionismus als „quasi-Befreiungsschlag“. Beides ist derzeit bei Einzelnen und in der Gesellschaft wahrzunehmen.

Doch ich kann auch heilsam mit Ohnmachtsgefühlen umgehen - indem ich sie wahrnehme und zulasse. Indem ich mir sage: „Ja, wir sind jetzt in mancher Hinsicht in einer Situation der Ohnmacht. Und das setzt mir innerlich zu. Mein Ohnmachtsgefühl ist da, es gehört derzeit zu mir, – und deshalb nehme ich das Ohnmachtsgefühl an, weil ich mich annehme, so wie ich bin und so wie es mir geht – Gott nimmt mich ja auch so an.“ Wenn ich – so verstanden! – „Ja“ sagen kann zu meinem Ohnmachtsgefühl, dann hat es keine Gewalt mehr über mich, dann kann es mich nicht mehr blockieren oder ungut antreiben. Wenn ich die Ohnmachtserfahrung annehme, dann kann es gut weiter gehen – dann schenkt das innere Freiheit, dann können genau dadurch neue Kraft und neue Kreativität wachsen – und dann können auch wir besser mit der schwierigen Situation umgehen.


Übrigens hat auch Jesus in mancher Hinsicht Ohnmacht erlebt – im Laufe seiner Verkündigung bei Menschen, die ihn nicht verstanden und dann abgelehnt und schließlich ans Kreuz gebracht haben, v.a. bei den Pharisäern und Schriftgelehrten. Er hat sich in seiner Passion ganz in diese Ohnmacht hineinbegeben, so dass sie innerlich keine Macht über ihn hatte, – und Gott hat in seiner Auferweckung deutlich gemacht: SEINE Macht ist größer als alle Ohnmacht – und sie kann uns helfen, dass auch wir aus Ohnmachtserfahrung gestärkt und mit neuer Lebendigkeit herauskommen.

 

2.
Unser Alltagsleben ist derzeit einigermaßen eingeschränkt. Der äußere Lebensraum ist enger.
Wir können vieles nicht tun, was sonst ganz selbstverständlich zu unserem Leben dazu gehört. Das Leben ist irgendwie eintöniger, und es ist anstrengender.

In einer solchen Zeit ist es umso wichtiger und für das Innere sehr wohltuend, wenn wir gerade jetzt umso bewusster und intensiver das wahrnehmen,
•    was wir auch in eingeschränktem Leben konkret an Schönem erleben,
•    was mir / uns gut tut,
•    wobei mir das Herz aufgeht,
•    was den heutigen Tag irgendwie hell gemacht hat und ihm Farbe gegeben hat,
•    worüber ich mich heute besonders gefreut habe.

Das in den Blick zu nehmen und das im Herzen gut zu verkosten, dazu lädt das sogenannte „Gebet der liebenden Aufmerksamkeit“ ein. Es geht auf den heiligen Ignatius von Loyola zurück, den Gründer der Jesuiten. In seiner Spiritualität ist dieses Gebet das wichtigste von allem Beten. Er empfiehlt dieses Gebet als Rückblick auf den Tag, zum Abschluss des Tages – am späten Nachmittag oder am Abend, bevor man allzu müde ist.

Es tut gut, dann den Tag Revue passieren zu lassen. Ich kann mir den Tag nochmals vergegenwärtigen, indem ich ihn wie einen Film vorüberziehen lasse – und dabei ganz bewusst nach den „hellen Farben“ Ausschau halte, nach dem, was ich zu Beginn des zweiten Abschnitts aufgezählt habe.
•    Was hat mir gut heute getan - und wo habe ich anderen gut getan?
•    Wo bin ich irgendwie beschenkt worden - und wo war ich für andere im Kleinen „ein Segen“?
•    Wo und wie hat mir Gott irgendwie Leben zugespielt (das tut er täglich, stündlich!) -und wo habe ich heute etwas von ihm gespürt oder geahnt?

So kann ich mir das Wohltuende und Heilsame dieses Tages – und das gibt es jeden Tag! – bewusst machen und vergegenwärtigen. Dadurch kann ich es tiefer genießen, und es lässt mich erfüllt zurück – und es kann so in mir über den Tag hinaus weiterwirken. Zudem schärft das „Gebet der liebenden Aufmerksamkeit“ auf Dauer den Blick für das, was das Leben insgesamt faktisch schön macht und mich erfüllen kann. So kann diese Gebetsweise zu einer intensiveren „Daseinsweise“ führen, zu einer Vertiefung des Lebens.

Probieren Sie es einmal aus! Bitten Sie Gott gegen Abend, dass er Ihnen die Augen öffne, den Blick schärfe für all das, was diesen Tag – und Sie darin! – mit Liebe, Freude, Zuversicht, Hoffnung, … erfüllt hat. Das zu verkosten und im Inneren fruchtbar werden zu lassen tut gerade in dieser schwierigen Zeit besonders gut!

Weitere Informationen: Willi Lambert, Gebet der liebenden Aufmerksamkeit; Paulinus-Verlag Trier (67 Seiten, 5,00 €) – oder schauen Sie im Internet nach unter „Gebet der liebenden Aufmerksamkeit“.

 

Ich wünsche Ihnen für die kommende Woche die Erfahrung,
die der Beter der Psalms 23 gemacht hat und uns weitergibt:


„Der Herr ist mein Hirt,
nichts wird mir fehlen.
Er lässt mich lagern auf grünen Auen
und führt mich zum Ruheplatz am Wasser.
Meine Lebenskraft bringt er zurück.
Er führt mich auf Pfaden der Gerechtigkeit,
getreu seinem Namen.“                   (neue Einheitsübersetzung 2016)


Ich bete für Sie und Ihre Lieben, auch wenn ich die Eucharistie feiere,
und grüße Sie ganz herzlich von unserem Dom aus –

Ihr

Domdekan Dr. Christoph Maria Kohl