Sonntag, 04. Oktober 2020

„Gott führt uns in die Weite des Horizonts und der Liebe“

Pontifikalamt im Speyerer Dom zum 959. Jahrestag der Weihe der romanischen Kathedrale

Mit einem Pontifikalamt im Speyerer Dom feierte das Bistum Speyer den 959. Jahrestag der Domweihe, der Mutterkirche der Diözese. „Sie gibt uns eine geistliche Heimat, wie schon vielen Generationen vor uns, die hier ihre Leiden und Kämpfe, ihre Visionen und Hoffnungen vor Gott gebracht haben“, sagte Bischof Dr. Karl-Heinz Wiesemann, der den Gottesdienst gemeinsam mit Weihbischof Otto Georgens, Domdekan Dr. Christoph Kohl und Domkapitular Karl-Ludwig Hundemer zelebrierte. Er erinnerte mit Dankbarkeit an die Überwindung der deutschen Teilung vor 30 Jahren. Gleichzeitig mahnte er, dass in Europa neue Grenzen errichtet werden, zum Beispiel in den Flüchtlingslagern auf der griechischen Insel Lesbos.

Der Gefahr eines Rückzugs in die Enge der eigenen Machtansprüche stellte er den universalen Horizont der christlichen Botschaft gegenüber. „Gott führt die Menschen hinaus ins Weite, in die Weite des Horizonts und der Liebe“, das sei die Grunddynamik, die schon im Alten Testament Ausdruck findet. In der Rückerinnerung an den Exodus des Volkes Israel aus Ägypten wurzle der Appell, den Flüchtling im eigenen Land aufzunehmen und ihm gleiche Würde zu geben, so Bischof Wiesemann. Gott wolle nicht Opfer und Rituale, sondern eine Haltung, die sich mit der Sehnsucht nach Barmherzigkeit und Gerechtigkeit an die Seite der Notleidenden stellt. Schon die Kultkritik der Propheten habe sich gegen einen Glauben gerichtet, der sich abschottet und darin eine falsche Sicherheit sucht. „Dieser aber führt nicht in die Weite, sondern in identitäre Enge“, so die Warnung des Bischofs. Der globale Horizont der christlichen Botschaft, der bereits im Alten Testament angelegt sei, sei in Jesus durch die Verbindung von Gottes- und Nächstenliebe zur Vollendung gekommen.

Die Weite des Glaubens bedeute, dass „Religion nicht darauf aus ist, den Menschen von höheren Mächten abhängig zu machen, sondern ihn zum Partner einsetzt und ihn in seiner Würde und ethischen Verantwortung ernst nimmt“, erklärte Wiesemann und wies auf die neue, an diesem Sonntag veröffentliche Enzyklika „Fratelli tutti“ von Papst Franziskus hin. Mit der Betonung der Geschwisterlichkeit aller Menschen entwerfe der Papst eine heilende Vision für eine Welt, in der sich die Menschen jeden Tag Verwundungen und Verletzungen zufügen. Aus dieser Vision heraus könne die Welt ein neues Angesicht bekommen. „Gott will uns in die Weite der Liebe führen. Das können wir in unserer großen und weiten Kathedrale bei jedem Gottesdienst spüren“, so Bischof Wiesemann.

Musikalische wurde der Gottesdienst von einer Schola aus Mädchenchor und Domsingknaben gestaltet. Die Orgel spielte Domorganist Markus Eichenlaub. Am Nachmittag wurde eine Pontifikalvesper gefeiert, bei der Kaplan Maximilian Brandt offiziell in sein Amt als Domvikar eingeführt wurde. Ein Bericht über den neuen Domvikar folgt.