Sonntag, 01. Januar 2017

"Gott ist stärker als alle anderen Mächte dieser Welt"

Bischof Dr. Karl-Heinz Wiesemann hielt eine eindringliche Predigt

Bischof Wiesemann predigt zum Jahresabschluss im Speyerer Dom und ruft dazu auf, sich trotz vieler Unsicherheiten nicht von Angst lähmen zu lassen

Speyer. "Wir bitten um ein gesegnetes neues Jahr – wir wissen nicht, was kommt", sagte Bischof Dr. Karl-Heinz Wiesemann bei seiner Begrüßung zum Pontifikalamt zum Jahresschluss. Im vollbesetzten Dom zu Speyer verabschiedeten die Gläubigen am Silvester-Nachmittag gemeinsam mit dem Bischof das alte Jahr und baten um Gottes Beistand für das neue. In Zeiten politischer Umbrüche und einer ungewissen Zukunft spendete der Bischof Zuversicht. Er forderte die Menschen auf, sich nicht vermeintlich vorbestimmten Situationen zu fügen, sondern mit Gottvertrauen die Zukunft selbst in die Hand zu nehmen.

In seiner bewegenden und nachdenklich machenden Predigt zeigte der Bischof Verständnis, dass die zahlreichen unberechenbaren Situationen auf der Welt, die auch unser Leben beeinflussen, Angst auslösen. "Es gibt berechtigten Grund zur Sorge", stellte er fest. "2016 hat sich für mich das Wort Kontrollverlust in den Mittelpunkt geschoben", sagte Wiesemann und sprach vom Kontrollverlust auf der Weltbühne, von Demokratien, die sich in Diktaturen wandeln oder vom um sich greifenden Populismus. Bei dem Grundgefühl des Kontrollverlustes schwinge Angst und Sorge mit – auch Angst um die eigene Sicherheit. Das könne die Freiheit einschränken, das eigene Leben zu entfalten. Mehr noch: "Wie geht es mit dem demokratischen Engagement weiter?", fragte der Bischof.

Wiesemann machte deutlich, dass das Weltgeschehen und das Leben jedes Einzelnen miteinander verbunden sind, dies aber keine Einbahnstraße darstellt. Nicht nur das Weltgeschehen beeinflusst jeden Menschen – auch jeder Mensch kann mit seinem Handeln in der Gesellschaft wirken und sie verändern. Er rief auf, sich von der einschleichenden Angst nicht lähmen zu lassen, sich dem Schicksal nicht einfach zu ergeben, sondern schwierige Situationen anzunehmen und die Zukunft selbst zu gestalten. Mit Vertrauen auf Gott gelinge dies. Glauben befähige zum Vertrauen und das Vertrauen in Gott spende wiederum eine Kraft, die nicht nur von uns selbst komme, aber die jeden Einzelnen zum Guten motiviere. Er erinnerte daran, dass Jesus aufruft, sich "für Liebe, für Wahrheit, für Gerechtigkeit einzusetzen".

Als Gegenbeispiel für mangelndes Vertrauen führte er den Ausspruch "Wir schaffen das" von Bundeskanzlerin Angela Merkel an. Dieser Satz "dient nicht zum Moralappell", erklärte Bischof Wiesemann. Merkels Satz funktioniere nicht ohne ein tiefes Vertrauen. Dagegen könnten Gläubige auf Gott bauen, der alles zusammenhalte, so dass die Welt nicht entgleite. "Gott ist da, der Glaube kann tragen, helfen, verwandeln, Schicksal in Freiheit wandeln." Jeden Tag feiere die katholische Kirche mit der Eucharistie eine Wandlung, verdeutlichte der Bischof. Mit Vertrauen in Gott sollten die Gläubigen den Jahreswechsel begehen, sagte er und bekräftigte zum Schluss seiner Predigt: "Gott ist stärker als alle anderen Mächte dieser Welt."

Die Dommusik unter Leitung von Domkantor Joachim Weller und Domkapellmeister Markus Melchiori bewies bei dem Gottesdienst wieder ihr Können. Es sangen der Mädchenchor, die Domsingknaben und der Domchor. Es spielten die Dombläser sowie Domorganist Markus Eichenlaub. Die Besucher des Pontifikalamtes erlebten unter anderem die "Missa brevis in B" von Christopher Tambling, "Tantum ergo B-Dur" von Anton Bruckner und "Ave verum corpus" von Bernhard Hemmerle.

Text und Foto: Yvette Wagner