Montag, 27. März 2017

Evangelium ist die Schule des Sehens

Bischof Dr. Karl-Heinz Wiesemann predigte zum Papstsonntag im Speyerer Dom

Pontifikalamt zum Papstsonntag im Dom zu Speyer: Wieder Visionen wecken und Blick weiten

Speyer. Das Evangelium ist eine Schule des Sehens - als Leitwort gab Bischof Dr. Karl-Heinz Wiesemann diesen Satz den Gläubigen mit auf den Weg, die am Papstsonntag zum Pontifikalamt in den Dom gekommen waren. Zur Erinnerung an die Amtseinführung von Papst Franziskus im März 2013 wurde die Messe zelebriert, die entsprechend feierlich vom Domchor begleitet wurde.

Die politischen Entwicklungen in der Welt legte Bischof Wiesemann seiner engagierten Predigt zugrunde. Mittendrin in den aktuellen Problemen der Zeit seien die Menschen, erlebten hassverblendeten Terrorismus und Rassismus. Konkret nannte Wiesemann die "unsäglichen Beleidigungen des türkischen Staatspräsidenten gegen die deutsche Kanzlerin.“ Auch warf der Bischof einen Blick auf die USA: "Es gibt führende Leute in der Welt, die sich nicht scheuen, in vollem Bewusstsein falsche Nachrichten zu verbreiten." In dem Zusammenhang schlug Wiesemann den Bogen zwischen den in der Lesung genannten Pharisäern und denjenigen, die in der heutigen Welt im Vollbesitz ihrer Kräfte nur das sehen, was sie sehen wollen. Das, so Wiesemann, geschehe aber nicht nur auf der großen politischen Bühne.

Laut war daher der Appell des Bischofs, die diesjährige Misereor Fastenaktion zu unterstützen, um in einem der ärmsten Länder der Welt Hilfe Zukunftsperspektiven zu geben. "Natürlich gibt es dort auch hausgemachte Probleme, aber es gibt auch große Zusammenhänge, die verhindern, dass diese kleinen Länder auf die Beine kommen, wenn wir nicht helfen", so Wiesemann, der den Klimawandel als eine Geißel der Zeit nannte.

Visionen seien wieder notwendig. Nicht die, die sich im Schlafe auftun, sondern die, die einen nicht mehr schlafen ließen, weil sie den Menschen leidenschaftlich bewegten. "Das Volk verkommt ohne Vision", zitierte der Oberhirte des Speyerer Bistums die Bibel aus dem Buch der Sprüche. Statt nur politischem Pragmatismus sei Weitblick gefragt.

Jesus öffne den Menschen dafür die Augen und helfe sehen zu lernen mit den Augen eines Gottes, der sich im Nächsten zeigt. "Gottes- und Nächstenliebe wird verbunden", stellte Wiesemann heraus. Nur, wenn die Welt von der anderen Seite gesehen werde, könne Friede und Gerechtigkeit wieder in sie einziehen. Als großes Vorbild nannte der Bischof Papst Franziskus, der den Gläubigen durch seine Mission die Augen vom anderen Ende der Welt öffne. Dankbar äußerte er sich für die Anstöße, die der Heilige Vater im Sinne des Evangeliums entsende.

"Wir müssen uns unserer Weltverantwortung bewusst werden und dürfen uns nicht in unser Schneckenhaus zurückziehen - auch nicht in das Nationale", hob Wiesemann hervor. Ein letztes Mal lehnte er sich an die Aussage eines politischen Staatsmannes an, des neu gewählten Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier: "Er sprach von Menschen, die Mut machen. Genau darauf kommt es an: Sehen lernen, nicht nur mit den Augen, sondern auch mit dem Herzen."

Mit einem wohlklingenden Kyrie, Sanctus und Agnus Dei aus der "Missa Papae marcelli", der bis heute bekanntesten Messe von Giovanni Pierluigi da Palestrina, sowie dem gesungenen Psalm "Lobe den Herrn, meine Seele" (Heinrich Schütz) und dem "Ave regina caelorum" (Philip Stanford) verlieh der Domchor unter Domkapellmeister Markus Melchiori dem Pontifikalamt zusätzliche Würde. Parallel zur Amtsaufnahme des Papstes Franziskus wurde darin der Einführung von Dr. Karl-Heinz Wiesemann als Bischof von Speyer 2008 gedacht.

Text / Foto: Susanne Kühner