Donnerstag, 29. November 2018

"Menschen in aller Unterschiedlichkeit sollen mitgestalten können"

Im Speyerer Dom hilft eine Treppenraupe, die Stufen zu überwinden

Internationaler Tag der Menschen mit Behinderung am 3. Dezember – Bistum Speyer setzt sich an verschiedenen Orten für mehr Barrierefreiheit ein

Speyer. Seit jeher ist die Kirche auch für Menschen mit Behinderung da. So beschreitet sie auch den Weg hin zu einer inklusiven Gesellschaft. Einen enormen Schub in diese Richtung hat die UN-Behindertenrechtskonvention bewirkt, die 2009 in Deutschland in Kraft trat. Sie stärkt die Rechte von Menschen mit Handicap und betrachtet sie aus einem anderen Blickwinkel: Beeinträchtigte Menschen werden nicht mehr als hilfsbedürftig angesehen, sondern sollen gleichberechtigt wie alle anderen am Leben teilhaben. Franz Vogelgesang, Leiter der Hauptabteilung Seelsorge im Bischöflichen Ordinariat, umreißt die neue Herausforderung: Es gehe darum, Behinderung nicht mehr als individuelles Defizit wahrzunehmen. Der Blick müsse geweitet werden hin zu einer Kirche, die Menschen mit all ihren Unterschiedlichkeiten ermögliche, selbstbestimmt zu handeln, am kirchlichen Leben teilzuhaben und es mitzugestalten.

Inklusion wird nur durch Barrierefreiheit möglich. Daran wird bistumsweit und in vielen Bereichen verstärkt gearbeitet. „Für unsere Diözese ist das Thema Barrierefreiheit sehr wichtig“, unterstreicht Generalvikar Andreas Sturm. „Wir haben uns zur Einhaltung der UN-Behindertenrechtskonvention verpflichtet und in den letzten Jahren sehr viel Geld in den Bereich investiert.“ Das Hauptaugenmerk liege laut Generalvikar Sturm momentan beim Abbau baulicher Barrieren. So sei mindestens in jeder Pfarrei eine Kirche barrierefrei erreichbar, ebenso das Priesterseminar in Speyer, das nicht nur als Pastoralseminar, sondern auch als Tagungsstätte dient.

Von Barrierefreiheit profitieren auch Menschen mit Rollator und Eltern mit Kinderwagen

„Öffentliche Gebäude sollten barrierefrei sein“, untermauert Stefan Tschepella, Leiter des Bischöflichen Bauamtes, den Grundgedanken. Für die Kirche bedeutet das eine immense Aufgabe. Zwar sind nicht alle Gebäude öffentlich zugänglich, aber dennoch eine große Zahl. Von baulicher Barrierefreiheit profitierten nicht nur Menschen im Rollstuhl, sondern auch jene, die auf einen Rollator angewiesen sind sowie Eltern mit Kinderwagen.

Wird ein kirchliches Gebäude umgebaut, wird Barrierefreiheit hergestellt - „wo es möglich ist“, schränkt Stephan Tschepella ein. Historische Gebäude machen es nicht leicht, moderne Anforderungen umzusetzen. Als Beispiel nennt er den Eingang in Kirchen, der meist über mehrere Stufen führt. „Manchmal ist es aus Platzgründen nicht einfach, einen Meter Höhe zu überwinden“, sagt er und erläutert: Um sechs Zentimeter Höhe zu überbrücken, müsse eine rollstuhlgerechte Rampe einen Meter lang sein. So werde eine Rampe leicht zu einem größeren Bauwerk. Bei denkmalgeschützten Gebäuden stelle sich daher die Frage, wie gut sie sich integrieren lässt. „Man muss immer abwägen“, umreißt Tschepella die knifflige Aufgabe. Es geht um die passende Lösung. Das kann auch ein Lift sein, wie im Pfarrheim in Wörth-Maximiliansau.  Er braucht weniger Platz, birgt aber andere Probleme: Um ihn zu bedienen, wird entweder der passende Schlüssel benötigt oder eine Assistenzperson. Lifte müssen zudem gewartet werden und sind häufig von Vandalismus betroffen.

Die Impulse zum barrierefreien Umbau kämen oft aus den Kirchgemeinden, berichtet Baumamtsleiter Tschepella. Generalvikar Sturm begrüßt diese Initiativen ausdrücklich. Die Abteilung Seelsorge für Menschen mit Behinderung will Gemeinden bei Fragen zur Barrierefreiheit unterstützen. Dazu soll eine Kiste voll mit Informationen erstellt werden, die beantworten, was konkret gefordert ist und wie eine Finanzierung aussehen kann.

Domkustos: „Dom soll so barrierefrei wie möglich sein“

Welche kirchlichen Gebäude sind barrierefrei? Das Bistumsbauamt will eine Datenbank aufbauen, in der erfasst wird, wo barrierefreie Zugänge oder behindertengerechte Toiletten bestehen. Mit dem Zertifikat „Barrierefreiheit geprüft“ darf sich bereits der Speyerer Dom schmücken – einer Auszeichnung des bundesweiten Programms „Reisen für alle“. „Der Dom soll so barrierefrei wie möglich sein“, betont Domkustos Peter Schappert. Auch hier müssen Erscheinungsbild des Gebäudes und Barrierefreiheit gegeneinander abgewogen werden. Damit Rollstuhlfahrer Treppen zum Querhaus, in die Afra-Kapelle, zur Krypta und in die Grablege überwinden können, steht eine so genannte Treppenraupe bereit. Das mobile Gerät kommt bei Bedarf zum Einsatz. Es passt sogar in den schmalen Zugang zur Grablege – ein Treppenlift wäre hier nicht möglich. Allerdings kann es aus Sicherheitsgründen nicht beim Aufstieg zum Kaisersaal und Turm eingesetzt werden - was auch mit keinem anderen mobilen Gerät möglich wäre.

Gehbeeinträchtige Menschen gelangen über einen ebenerdigen Zugang mit automatisch öffnenden Türen in den Dom. Menschen mit Sehbehinderung können den Audioguide kostenlos ausleihen, zudem bietet ihnen das Dombüro zugeschnittene Führungen an, ebenso für Menschen mit geistiger Beeinträchtigung und in Gebärdensprache. Das Domkapitel verfolgt weitere Vorhaben, die nicht nur bauliche Barrieren abbauen sollen. Auf dem Plan stehen etwa ein Tastmodell des Doms und Informationen in leicht verständlicher Sprache. Um die Akustik zu verbessern, soll die Lautsprecheranlage neu gestaltet werden. Dabei wird auch geprüft, inwieweit eine Verbesserung für Menschen mit Hörschädigung erzielt werden kann. Barrierefrei zugänglich ist auch das Dombesucherzentrum.

Barrieren in der Kommunikation und in den Köpfen abbauen

Um Teilhabe zu ermöglichen, müssen auch Barrieren in der Kommunikation und in den Köpfen fallen. Daran arbeitet die Abteilung Seelsorge für Menschen mit Behinderung. Sie will unter anderem eine Broschüre erstellen mit Tipps, was Kommunikation mit Menschen mit Handicap gut gelingt. „Menschen mit Hörschädigung können sehr gut von den Lippen ablesen“, nennt Christoph Sommer ein Beispiel.

Für gehörlose Menschen stehen verteilt über die Diözese Gottesdienste auf dem Programm, die meist ausschließlich von ihnen besucht werden. Besonders große Anziehungskraft besitzt die Pfarrkirche St. Fronleichnam im saarländischen Homburg. Hierher strömen allein bis zu 50 gehörlose Christen aus dem ganzen Bistum, um gemeinsam mit Hörenden Gottesdienst zu feiern. Eine Gebärdendolmetscherin übersetzt das gesprochene Wort und hörende Gläubige versuchen, das Vaterunser oder Lieder mitzugebärden. „Das ist ein fröhlicher, lebendiger und bewegter Gottesdienst“, berichtet Sommer. Dieses Angebot werde anerkannt und geschätzt - sowohl von Menschen mit wie ohne Handicap.

Wie gut Inklusion funktionieren kann, beweist auch „LiLi – Leben in Landau inklusiv“, ein Projekt des Caritas-Förderzentrums St. Laurentius und Paulus. Ehrenamtliche und mit Menschen mit Handicap verbringen zusammen Freizeit, gehen einkaufen oder ihren Hobbys nach und feiern zusammen.

Hintergrund: Informationen zur rechtlichen Situation

Text und Bild: Yvette Wagner

 

Beiträge zum Themenschwerpunkt Barrierefreiheit

 

Überblick: Das Bistum Speyer setzt sich an vielen Orten für mehr Barrierefreiheit sein

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Interview: Stefan Dreeßen (gehbehindert)

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Interview: Josef Huxel (sehbehindert)

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Interview: Mitglieder des Club 86 in Ludwigshafen (geistige Beeinträchtigung)

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Interview: Anna Fuchs (gehörlos)

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Gutes Beispiel: Das Speyerer Priesterseminar

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Gutes Beispiel: Caritas-Förderzentrum Paul Josef Nardini in Landstuhl

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