Dienstag, 25. Dezember 2018

"Still werden zum Staunen über das Wunder des Lebens"

Zahlreiche Gläubige besuchten im Speyer Dom wie im gesamten Bistum die festlich gestaltete Weihnachtsgottesdienste

Speyer. Zahlreiche Gläubige besuchten die festlichen Weihnachtsgottesdienste in den Kirchen des Bistums und gedachten der Geburt Jesu im Stall von Bethlehem. Im Dom feierte Bischof Dr. Karl-Heinz Wiesemann die Christmette und predigte über die Sehnsucht nach „ein bisschen Frieden“. Dabei nahm er Bezug auf den Text des gleichnamigen Liedes, mit dem die Sängerin Nicole 1982 den Eurovision Song Contest gewonnen hatte. Der große, zunächst nicht absehbare Erfolg des Liedes zeige, dass es hier nicht um Kitsch und Sentimentalität gehe, sondern eine tiefliegende menschliche Sehnsucht. Diese Sehnsucht, so Bischof Wiesemann, sei in einen großen politischen Horizont hineingesungen worden. Damals hätten das Wettrüsten und der Falklandkrieg diese Sehnsucht befeuert. Heute seien Klimawandel und soziale Ungleichheit die Zeichen eines Unfriedens. „Es braucht die Mutigen, die ihre Sehnsucht in die Welt hinausrufen“, so der Bischof. Das Friedenslicht aus Bethlehem werde als kleine flackernde Flamme weitergegeben. So sei Jesus in die Welt gekommen, jenseits der Machtzentren der damaligen Welt, ohne große öffentliche Aufmerksamkeit, nur Hirten und Weisen als Zeugen. Aber von da ab habe die Menschwerdung Gottes globale Bedeutung entfaltet. Die musikalische Gestaltung übernahmen das Vokalensemble der Dommusik und das Domorchester unter der Leitung von Domkapellmeister Markus Melchiori. Die Orgel spielte Domkantor Joachim Weller.

„In der Stille das lebenswichtige Aushalten und Durchtragen lernen“

Beim Pontifikalamt am ersten Weihnachtstag stellte Bischof Wiesemann die Erfahrung der Stille in den Mittelpunkt seiner Predigt. „Manchmal meine ich, die Menschheit verliere die Fähigkeit zum Staunen“, so der Bischof. Wenn den Menschen etwas Unbekanntes begegne, dann zögen sie die Smartphones heraus und googeln es in dem Netz, das „die Stelle der göttlichen Allwissenheit“ angetreten habe. Mit dem Staunen verliere der Mensch auch die Fähigkeit zum Erschrecken. „Wenn aber die Menschheit das Erschrecken verliert, wie will sie dann noch umkehren können für die Zukunft unseres Planeten und seines ökologischen Gleichgewichts, für die Humanität und menschliche Freiheit inmitten digitaler Überwachung und Steuerung, für die umfassende Gerechtigkeit inmitten Algorithmen-berechneter Suggestionen und Interessen?“ Umkehren zu können, sei das „Privileg der Menschheit“ und der „stärkste Ausdruck von Freiheit“. Er beobachte einen internationalen Trend, soziale Probleme durch Technologie und Kontrolle lösen zu wollen, so der Bischof. „Wenn dadurch die Verbesserung der Menschheit erzielbar wäre, dann müssten wir ja bei den heutigen Möglichkeiten kurz vor der Vollendung des Weltfriedens stehen“. In Wirklichkeit aber werde die Wehrhaftigkeit unserer Demokratie nach und nach unterhöhlt.

Nur in der Stille lerne der Mensch das lebenswichtige Aushalten und Durchtragen, das seinem Leben einen roten Faden gibt. „Nur wenn er noch still sein kann, vermag er zu staunen und zu erschrecken und so seine Freiheit und Verantwortung zu entdecken.“ In den Krisen des Lebens hänge alles davon ab, „vom Redenden zum Hörenden“ zu werden. „Der Schwerpunkt des Lebens müsse sich verlagern „von mir, meiner Selbstrechtfertigung, meinem Selbstschutz weg hin zur Wirklichkeit, die mir gegenübertritt und der ich mich stellen muss.“ Weihnachten nannte Bischof Wiesemann ein „Fest des Staunens und Erschreckens, wie Gott sein Wort in unsere Welt hineinspricht und uns damit wieder ins Leben holt“.

Vor der Krippe komme der Mensch zum Staunen „über die Zartheit des kleinen Kindes“, die sich gerade in seiner Verletzbarkeit zeige. Jesus habe den Menschen die Augen geöffnet für „die Wirklichkeit der Welt, der Armen und Kleinen, derer, die nach Gerechtigkeit dürsten, derer, die unter Verfolgung leiden“. Zugleich werde bewusst, was „wir Menschen aus ihm gemacht haben: verspottet, gedemütigt, verletzt, gekreuzigt.“ Jesu Leben sei in der Geschichte aufgerichtet, damit die Menschen das Staunen und das Erschrecken lernen. „Das Staunen über das Geheimnis der Gotteskindschaft, das Erschrecken über die Abgründigkeit unserer Freiheit.“ Bischof Wiesemann benannte auch den Schmerz, „was gerade auch im Raum der Kirche mit der Verletzbarkeit und Schutzbedürftigkeit des Kindes getan wurde, mit der Botschaft von dem Perspektivenwechsel im Reich Gottes und seiner Option für die Armen und Kleinen.“

Musikalisch gestaltet wurde der Gottesdienst am ersten Weihnachtsfeiertag vom Mädchenchor, den Domsingknaben, dem Domchor und den Dombläsern mit der „Missa octo vocum“ von Hans Leo Hassler.

Eine besondere Attraktion war für viele Gläubige in diesem Jahr die neu gestaltete Weihnachtskrippte im Speyerer Dom, die noch bis zum 2. Februar zu sehen ist.

 

Predigt von Bischof Dr. Karl-Heinz Wiesemann in der Christmette

Predigt von Bischof Dr. Karl-Heinz Wiesemann am ersten Weihnachtsfeiertag

Predigt von Weihbischof Otto Georgens am zweiten Weihnachtsfeiertag

 

Text: is / Fotos: Klaus Landry