Montag, 11. März 2019

Der Speyerer Dom hat eine neue Dombaumeisterin

Dombaumeisterin Hedwig Drabik

Hedwig Drabik ab sofort für alle Bauaufgaben am Dom verantwortlich

Speyer. Dass der Dom allein von seinen Ausmaßen her etwas anderes ist als ihre bisherigen Baustellen, das hat Hedwig Drabik schon nach wenigen Tagen im Amt gemerkt. Am 8. März 2019 hat sie die Amtsgeschäfte von ihrem Vorgänger Mario Colletto übernommen und mit ihm im Vorfeld eine Begehung des gesamten Doms unternommen. Schon in den Wochen davor war sie bei wichtigen Terminen dabei, um sich einen Überblick über die laufenden und kommenden Projekte am Dom zu verschaffen. In einem Mediengespräch stellte Drabik sich nun offiziell der Öffentlichkeit vor und berichtete von ihrem bisherigen Werdegang und ihren ersten Tagen im neuen Amt als Dombaumeisterin – als erste Frau am Speyerer Dom und die jüngste Deutschlands.

Als Dombaumeisterin ist Hedwig Drabik ab sofort zuständig für alle baulichen Aufgaben des Domkapitels. Die größte davon ist der Dom. Aber auch die umliegenden Kapitelshäuser und der Friedhof des Kapitels fallen in ihren Zuständigkeitsbereich. So war der erste Arbeitstag nicht der romanischen Bauzier, sondern dem Baumschnitt gewidmet. 2019 sind mehr als 20 Projekte zeitgleich zu betreuen. Die Bandbreite reicht hierbei vom Umbau der Büros im Vikarienhof bis zu den großen Sanierungsmaßnahmen am Dom. Gleich zwei große Maßnahmen sind da derzeit zu betreuen: die Instandsetzung des Vierungsturms und die Restaurierung der Vorhalle.

Bereits nach so kurzer Zeit hat die neue Dombaumeisterin zwei Lieblingsplätze. Zum einen ist die Krypta als ältester Teil des Doms für sie ein besonderer Ort, der sie sofort durch seine Atmosphäre beeindruckt habe. Zum anderen fasziniert Drabik der Ausblick, der sich von der Aussichtsplattform im Südwestturm auf den gesamten Dom bietet: „Dass man die gesamte Dachlandschaft so vor sich liegen hat, diese Sicht bekommt man nicht bei vielen Kirchen geboten“, ist sie sich sicher.

Für die 32-jährige studierte Architektin und Denkmalpflegerin erfüllt sich mit der Stelle als Dombaumeisterin – nach eigenen Angaben – ein Traum. „Als ich die Stellenanzeige gesehen habe, hat mein Herz einen Hüpfer gemacht“, sagte Drabik. „Ich wusste immer, dass ich an Kirchenbauten arbeiten will. Die Monumentalität, der Raumeindruck und die besondere Atmosphäre in Kirchenräumen haben mich seit jeher fasziniert.“ Bereits in den Urlauben mit ihren Eltern, habe sie immer gerne Kirchen angeschaut. Ihre Eltern waren dann auch die ersten, die Drabik anrief, nachdem das Domkapitel ihr im November die Zusage für die Stelle gegeben hatte. 

Den Speyerer Dom erkundete Drabik zum ersten Mal im Rahmen einer privat organisierten Exkursion mit Kommilitoninnen. „Der Dom ist ein tolles Gebäudes, das eine große Geschichte erzählt“, fasst die Architektin und Denkmalpflegerin ihre damaligen Eindrücke zusammen. In der Vorbereitung auf ihr Vorstellungsgespräch hat Drabik dann einen ganzen Tag am Dom verbracht und „natürlich erst mal auf Schäden überprüft“. Die Arbeit früherer Dombaumeister will sie fortsetzen, sie freut sich, damit zum Erhalt des Doms beizutragen.

Der ehemalige Dombaumeister Mario Colletto hat sie umfassend in die laufenden Projekte eingewiesen. „Wir freuen uns, dass wir mit Frau Drabik eine überzeugende Besetzung für die Stelle der Dombaumeisterin finden konnten“, sagt Domkustos Peter Schappert. „Im Bewerbungsverfahren konnte sie mit ihrer exzellenten Fachkenntnis und mit sicherem Blick für die Bauaufgaben am Dom überzeugen. Ein Eindruck, der sich nach den ersten Tagen bestätigt hat.“

Ihre fachlichen Kenntnisse konnte Drabik während ihres Studiums der Architektur und der Denkmalpflege erwerben. Das Interesse für das Berufsfeld begleite sie aber schon fast ihr ganzes Leben. Das Studium der Denkmalpflege in Bamberg habe ihr dabei sehr viel praktisches Wissen und den Sinn für einen sehr behutsamen Umgang mit der alten Bausubstanz vermittelt, lobt Drabik diesen Teil ihrer Ausbildung. Dem – aus ihrer Sicht – sehr guten Studienkonzept dort habe sie viel zu verdanken. Zu den Studieninhalten gehörten die Untersuchung von Mörteln, Dendrochronologie und eine performancegetreue Aufnahme eines Rathauses. Anwenden und vermehren konnte sie diese Kenntnisse in ihrer Berufstätigkeit, die sich direkt an das Studium anschloss. Ab Juli 2012 arbeitete sie bei einem Architekturbüro der Region an zahlreichen denkschmalgeschützten Objekten, die meisten davon Sakralbauten. Dabei deckte sie bei einzelnen Projekten bereits die gesamte Bandbreite der Sanierung ab: Grundlagenermittlung, Schadensdokumentation und Kartierung, Ausschreibung, Vergabe und Bauleitung. Zuletzt arbeitete sie an der Konkordienkirche in Mannheim sowie am Karlstor und der Providenzkirche in Heidelberg.

Die Arbeit in ihrem alten Büro wird sie noch bis Ende April an einem Tag der Woche zu Ende führen. Die Arbeit und die Kollegen dort schätze sie sehr, sagt Drabik. Eigentlich sei sie auch nicht auf der Suche nach einem neuen Job gewesen, aber eine Stelle als Dombaumeister werde nicht oft ausgeschrieben. Schon zu Schulzeiten sei es ihr Ziel gewesen, Dombaumeisterin zu werden. Mit einer Zusage aus Speyer habe sie nicht gerechnet. Daran, dass sie der Aufgabe gewachsen ist, lässt sie jedoch keinen Zweifel.

Miteinander reden ist für sie bei der Bewältigung der anstehenden Aufgaben das „A und O“. So habe sie bisher noch auf jeder Baustelle die Herausforderungen ihres Berufs in den Griff bekommen. Drabik ist sich sicher, dass ihr persönlicher Gaube ihr bei der Arbeit am Dom helfen wird, denn „um als Dombaumeisterin arbeiten zu können, sollte man gläubig sein, weil man sonst die Anliegen der Menschen, die das Gebäude nutzen, nicht verstehen kann“.

Biografische Daten von Hedwig Drabik

Hedwig Drabik wurde am 23. Dezember 1986 in Mikolow (Nikolai/Polen) geboren. Im Alter von zwei Jahren kam sie zusammen mit ihren Eltern nach Deutschland. Der Vater ist gelernter KFZ-Mechaniker, die Mutter Krankenschwester. Ihre beiden jüngeren Geschwister wurden bereits in Deutschland geboren.

Eingeschult wurde Drabik im Vogelsbergkreis/Hessen, wo sie nach der Realschule in Alsfeld ab 2003 die Fachoberschule mit der Fachrichtung Bautechnik besuchte. An der Universität Kassel erwarb sie im März 2010 ein Diplom in Architektur. Ihre universitäre Laufbahn setzte Drabik mit dem Studium der Denkmalpflege an der Universität von Bamberg fort, das sie 2012 mit einem Master erfolgreich abschloss. Unmittelbar nach ihrem Studium begann Drabik für ein auf Altbauten und Natursteinarbeiten spezialisiertes Architekturbüro zu arbeiten.

Aktuell lebt Hedwig Drabik in Landau in der Pfalz. Am Wochenende unternimmt sie von dort aus gerne Mountainbiketouren durch den Pfälzer Wald. Energie, Inspiration und Ausgleich verschaffen ihr darüber hinaus das Klavierspiel und die Acrylmalerei.

Wie wird man Dombaumeisterin am Dom zu Speyer?

Die Stelle des Dombaumeisters am Dom zu Speyer wurde im Spätsommer 2018 in mehreren großen Fachzeitschriften und Tageszeitungen ausgeschrieben. Insgesamt gingen 20 Bewerbungen ein, 17 von Männern und drei von Frauen. Sieben Bewerber wurden zu Vorstellungsgesprächen geladen, darunter eine Frau. Diese Bewerber führten am 30. Oktober und am 13. November 2019 Gespräche mit einem achtköpfigen Auswahlgremium, bestehend aus Vertretern des Domkapitels, des Bischöflichen Bauamts, der Personalabteilung und einem Schwerbehindertenbeauftragten. Die Teilnehmer dieses Auswahlkreises besaßen alle dasselbe Stimmrecht. Die Empfehlung des Auswahlgremiums wurde zur Entscheidung an das Domkapitel überwiesen, das sich dann in seiner Sitzung am 20. November für Frau Drabik entschieden hat.

Eine Männerdomäne ist das Amt des Dombaumeisters längst nicht mehr. 1999 wurde Dr. Barbara Schock-Werner Dombaumeisterin am Kölner Dom, seit 2011 hat der Naumburger Dom mit Regine Hartkopf eine Dombaumeisterin, und Charlotte Hopf wurde mit 34 Jahren im November 2013 Dombaumeisterin am Berliner Dom.

Die Geschichte der Dombaumeister am Dom zu Speyer

Einen beim Domkapitel angestellten Dombaumeister gibt es erst seit 1995. Davor waren einzelne Architekten für den Dom zuständig. In der Erbauungszeit des Doms werden Bischöfe und Äbte als Planer und Verantwortliche genannt. Einzelne Ausführende sind nicht namentlich benannt und auch ein besonderer Titel, wie der des Dombaumeisters, ist zumindest für Speyer nicht dokumentiert. Später wurden vom Domkapitel Ingenieure und Architekten mit verschiedenen größeren Bau- bzw. Restaurierungsaufgaben betraut. Während der Umgestaltung des Westbaus im 19. Jahrhundert war dann zum ersten Mal der Begriff Dombaumeister im Gebrauch.

Bei der großen Domrestaurierung in den 1950er-Jahren und bei der Neueindeckung der Kupferdächer und Restaurierung der Osttürme wurde dieser Titel nicht verwendet. Als 1995 die große Domrestaurierung, basierend auf einem Vertrag mit dem Land Rheinland-Pfalz begann, wurde Alfred Klimt als Dombaumeister vom Domkapitel eingestellt. Weiterhin wurden leitende Architekten mit den Aufgaben am Dom betraut und einzelne Firmen beauftragt. Eine Dombauhütte gab und gibt es nicht.

Mit dem Konjunkturpaket II der Bundesregierung für die Weiterentwicklung der UNESCO-Welterbestätten begannen ab 2009 die Maßnahmen am Kaisersaal und im Südwestturm. Mario Colletto, vormals Gebietsingenieur am Bischöflichen Bauamt, wurde zum stellvertretenden Dombaumeister ernannt und leitete den Umbau des Kaisersaals und die Sanierung des Südwestturms mit Einbau einer Aussichtsplattform. 2012 trat Mario Colletto die Nachfolge von Alfred Klimt an und wurde Dombaumeister. Nach dem Ruhestandsgesuch von Herrn Colletto im Spätsommer 2018 begann die Suche nach einem Nachfolger beziehungsweise einer Nachfolgerin. Am 1. März war der erste Arbeitstag von Hedwig Drabik als Dombaumeisterin am Dom zu Speyer.

Text: Friederike Walter/Foto: Klaus Landry