Impulse für unser Leben
Impuls "Friede sei mit euch!"
Die Zusage des Auferstandenen: „Friede sei mit euch!“
„Friede sei mit euch!“ - das ist das Erste, was Jesus Christus seinen Jüngern wünscht, als er als Auferstandener wieder zu ihnen kommt (Joh 20, 19.21.26). Das ist kein Zufall - denn Frieden ist ein zentrales Lebensthema. Und wie wichtig es ist, das kommt in der Corona-Zeit besonders gut heraus, in der ja alle existenziellen Fragen hochgespült werden und alles, was wirklich lebensnotwendig ist, in seiner Bedeutung aufleuchtet. Der Frieden ist nicht alles, aber ohne Frieden ist alles nichts.
Das Thema „Frieden“ hat verschiedene Dimensionen:
• Weltfrieden, Frieden zwischen zwei Völkern
• sozialer Frieden in der Gesellschaft
• Frieden zwischen verschiedenartigen Gruppierungen
• Frieden in der Familie, im Verein, am Arbeitsplatz
• Frieden zwischen mir und den Mitmenschen
• der innere Friede (in mir selbst)
• zufrieden sein
• Friede zwischen Mensch und Schöpfung (statt Ausbeutung und Zerstörung)
Dabei ist Frieden kein Zustand, sondern etwas sehr Dynamisches, ein Weg, ein Prozess - etwas, das je neu der Aufmerksamkeit und des (gemeinsamen) Einsatzes bedarf.
Das gilt in Corona-Zeiten umso mehr. Denn die Pandemie gefährdet den Frieden auf den verschiedenen Ebenen zusätzlich. Viele ärmere Länder werden jetzt noch ärmer, weil sie wirtschaftlich niedergehen, weil noch mehr Menschen ihr Leben unterhalb des Existenzminimums fristen müssen und sich nicht vor dem Virus schützen können - und diese Verzweiflung kann dem Weltfrieden auf verschiedene Weise zusetzen. In unserer Gesellschaft verstärkt Corona so manche Spaltungen und Konflikte, die es vorher schon gab. Und auch der eigene innere Frieden ist bei vielen „angekratzt“, weil das Leben unter den Corona-Einschränkungen und mit den absehbaren Folgen der Pandemie ihnen seelisch zusetzt. Kein Wunder, wenn z.B. manche junge Menschen ihre guten Zukunftsaussichten schwinden sehen.
Da tut besonders gut, dass Ostern den Frieden in den Blick rückt - als das, was der auferstandene Jesus Christus als Allererstes den Seinen gibt. Dieser Friede ist eine Frucht der Auferstehung. Angekündigt hat ihn Jesus schon früher, bei seinen Abschiedsreden an die Jünger: „Frieden hinterlasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch; nicht, wie die Welt ihn gibt, gebe ich ihn euch. Euer Herz beunruhige sich nicht und verzage nicht“ (Joh 14,27). Weil dieses Geschenk Jesu so wichtig für uns ist, wird es uns in jeder Messfeier von neuem zugesagt - beim Friedensgruß, der in der Messe einen zentralen Platz hat, zwischen der Wandlung und dem Kommunionempfang. Dort werden diese Worte Jesu zitiert und uns in unsere aktuelle Situation hinein zugesprochen.
Auffällig dabei ist der Teilsatz: „nicht, wie die Welt ihn gibt, gebe ich ihn euch“. Was macht da den Unterschied aus? Was ist das Spezielle, das „Plus“, das den Frieden auszeichnet, den Jesus Christus bringt?
Er sagt ja ausdrücklich: „Meinen Frieden gebe ich euch“. Dieser Frieden ist also „sein“; er hängt mit ihm zusammen und geht von ihm aus. Im Alten Testament ist einer der Namen für den erhofften Retter-Messias „Friedefürst“. Und in den Briefen des Neuen Testaments ist die Glaubenserfahrung der frühen Christen festgehalten: „ER ist unser Friede“ (Eph 2, 14). Das bedeutet genau genommen: ER, Jesus Christus selbst als Person IST dieser Friede. Und das wiederum hat zur Folge: Je mehr jemand in der inneren Verbindung mit Jesus Christus und daraus lebt, desto mehr lebt er in und aus diesem Frieden, den Jesus ihm schenkt. Wer - wie z.B. der Apostel Paulus sagt - „in Jesus lebt“, der lebt „im Frieden“. Der Glaube, das Sich-hineinvertiefen in Jesus Christus, schenkt inneren Frieden. Und wer diesen inneren Frieden in sich spürt und davon erfüllt ist, der kann dann als „friedvoller Mensch“ auch in seinem täglichen Leben jemand sein, von dem Friede ausgeht - indem er einfach von ihm ausstrahlt und in seinem Denken und Handeln wirksam wird.
So schenkt Jesus Christus, der als Auferstandener uns nahe ist und uns mit seinem Geist beflügelt, inneren Frieden - und der ist die Quelle dafür, dass der Friede im Leben Kreise ziehen kann, dass das Reich Gottes als Reich des Friedens um uns herum weiterwachsen kann.
Uns so von seinem Frieden erfüllen zu lassen und ihn weiter zu verbreiten - das ist Geschenk und Auftrag, „Gabe und Aufgabe“ für uns als Christen. Der Friede ist nicht etwas, das man für sich hat und womit man es sich gut gehen lassen kann. Schon in der ersten Osterbegegnung der Jünger mit dem Auferstandenen wird das klar: „ Jesus sagte noch einmal zu ihnen: ‚Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch‘ (Joh 20, 21).“ Frieden ist die Sendung Jesu in der Welt und für sie, und Friede ist als seine Gabe an uns unsere Sendung in unserem alltäglichen Leben.
Das gelingt umso leichter und wirksamer, je mehr jede und jeder von uns von innerem Frieden erfüllt ist. Und die Quelle dafür ist, dass sie oder er sich von Jesus Christus als unserem Frieden erfüllen lässt.
Dass Sie das erfahren und auf diesem Weg des Friedens weitergeführt werden, das wünsche ich Ihnen
mit einem herzlichen Gruß
Ihr
Dr. Christoph Maria Kohl
Domdekan & Domkustos
Impulse für den Weg zum "Leben in Fülle" (Joh 10,10)
„… dass Du für mich betest.“
Auch wenn ich für jemanden bete, stehe ich dem anderen bei.
„Lieber Christoph, es bedeutet mir so viel, dass du für mich betest. Vielen Dank!“ Das hat mir eine Bekannte vor zwei Wochen geschrieben. Ich bete für sie, weil es ihr nicht so gut geht. Genauso wie für einen Bekannten, der privat und beruflich vor neuen Herausforderungen steht. Und ich bete für einen unserer Chorsänger, dessen Ehefrau gestorben ist und der darüber auch nach einem Jahr nicht hinwegkommt. Und für einen krebskranken Freund. In meiner Gebetsecke liegen einige Zettel mit Namen darauf. Jeden Morgen nehme ich sie in den Blick und bete für diese Menschen. Auch wenn ich im Gespräch die Sorgen oder das Leid eines Mitmenschen mitbekomme, biete ich oft ausdrücklich an, dass ich für ihn bete - das hat noch nie jemand abgelehnt, im Gegenteil.
Es tut immer gut, wenn Menschen aneinander denken. Erst recht dann, wenn es jemandem nicht gut geht - dann ist es hilfreich zu wissen, dass der andere mir innerlich nahe ist, dass er mir „einen guten Gedanken schickt“ - wie manche sagen.
Das geschieht auch bei einem Fürbitt-Gebet. Aber da geht es noch einen Schritt weiter. Wenn ich für jemanden bete, dann ist das eine ganz starke innere Verbindung von Mensch zu Mensch - weil diese Verbindung über Gott führt. Darin kommt zum Ausdruck: Dieser Mensch liegt mir am Herzen. Ich sehe seine Freuden und seine Sehnsucht, seine Sorgen und seine Not. Dabei habe ich zugleich Gott im Blick, der will, dass es jedem einzelnen Menschen gut geht. Diesem Gott des Lebens und der Liebe lege ich denjenigen, für den ich bete, besonders ans Herz. Ich bitte Gott darum, dass er ihm nahe ist - und dass der andere das spürt. Oder, um es in einem anderen Bild zu sagen: Ich lege durch mein Beten den anderen in Gottes Hände. Damit er ihn trägt und ihm Halt gibt, dass Gott ihn aufrichtet und mit neuer Lebenskraft und Lebensfreude erfüllt.
Natürlich ist das Gebet kein Ersatz dafür, dass ich einem anderen auch konkret durch Rat und Tat beistehe, so gut ich es vermag. Aber darüber hinaus ist das Fürbittgebet auch eine Weise, wie ich für den anderen da sein kann. Dadurch wird nicht nur die Verbindung zu diesem Mitmenschen vertieft, sondern auch die Verbindung von uns beiden zu Gott als der Quelle des Lebens.
Probieren Sie es doch mal aus! Ich kann es nur empfehlen.
Ihr
Dr. Christoph Maria Kohl
Domdekan & Domkustos
(Rundfunk-Morgenansprache von Christoph Maria Kohl, „Anstöße / Morgengruß“ in SWR 1 / SWR 4 am Donnerstag, 21.10.2021)
Impuls "Perspektivwechsel"
Es tut gut, die Welt mit den Augen der anderen und mit den Augen Jesu zu sehen.
Im Sommerurlaub vergangenes Jahr war ich in der Bretagne, wo Freunde ihr Ferienhaus haben. Besonders gern bin ich dort wandern gegangen, und zwar auf den „sentiers des douaniers“, den früheren Pfaden der Zöllner und der Schmuggler. Stundenlang kann man darauf die Küstenlinie entlang gehen, auf den Klippen, um Halbinseln herum, über Strände. Dabei hat mich als Hobby-Fotograf eines besonders fasziniert: Im Weitergehen sehe ich alles in einer immer wieder wechselnden Perspektive. Die Klippen, die Inseln draußen im Meer, die Landschaft auf der anderen Seite einer Bucht, die Ortschaften an der Küste – das Bild von ihnen ändert sich, wenn ich ein Stück weitergehe. Dann eröffnet sich eine neue, reizvolle Perspektive; ich sehe dasselbe von einer anderen Seite, es wirkt ganz anders – und ich entdecke daran wieder etwas Neues, Interessantes, Schönes. Das gibt nicht nur wunderbare Fotos – das ist auch ein Gleichnis für unser Leben.
Da ist es auch gut, wenn ich öfter mal die Perspektive wechsele. Wenn ich meinen bisherigen Standpunkt mal verlasse und einen Menschen aus einer anderen Richtung anschaue – dann kann mir bisher Unbekanntes an ihm auffallen, dann lerne ich ihn besser kennen. Wenn ich meine Sichtweise mal variiere, eine andere Brille aufsetze, durch die ich die anderen und das Geschehen um mich anschaue, dann sehe und verstehe ich mehr von der Welt und vom Leben. Perspektivwechsel ist immer gut! Es ist wie eine Entdeckungsreise.
Das erlebe ich zum Beispiel auch, wenn Kinder zu mir zum Beichtgespräch kommen. Wenn sie erzählen, was sie ihrer Meinung nach falsch gemacht haben, z.B. bei einem Streit mit Geschwistern oder einer Auseinandersetzung mit den Eltern. Dann frage ich sie manchmal: „Hast Du die Situation schon mal mit den Augen der anderen betrachtet?“ Das spielen wir dann gemeinsam durch – und meist wird dem Kind dabei klar, woran es da gehakt hat. Und das Verständnis für den anderen wächst. Denn jeder Perspektivwechsel eröffnet mir ein neues Stück Wirklichkeit und neue Farben des Lebens.
Ein grundlegender Perspektivwechsel ist für unser Leben aus dem Glauben besonders wichtig: Christ sein und aus dem Vertrauen auf Gott zu leben bedeutet, die Menschen, das Leben und die Welt immer mehr mit den Augen Jesu zu sehen. Dazu ist vor allem hilfreich, die vier Evangelien zu lesen. Dort erfahren wir, was Jesus gesagt und getan hat – und welche Lebensauffassung und welche Grundüberzeugungen er hatte. Dadurch lernen wir die Sichtweise Jesu kennen und vertiefen uns in sie. Je mehr jemand das tut, desto mehr wächst er oder sie nicht nur in die Sichtweise Jesu, sondern in ihn selbst hinein. Und dann können natürlich Meditation, Gebet und Gottesdienst das ihre dazu beitragen, weiter in Jesus Christus und dadurch in Gott hineinzuwachsen.
Während meines Studiums habe ich mich einmal zu ein paar Tagen des Innehaltens und der Besinnung in das Kloster Esthal (bei Neustadt an der Weinstraße) zurückgezogen. Am Ende der Tage war ich dann beim damaligen Spiritual der Schwestern beichten. Im Beichtgespräch hat er mir ein Gebet empfohlen, das er selbst immer wieder gebetet hat. Und dieses Gebet ist mir im Laufe der Jahre immer wichtiger geworden. Es lautet:
„Gott, schenke mir die Gnade,
mich so zu sehen, wie du mich siehst.
Und schenke mir dann auch die Gnade,
die anderen so zu sehen, wie du sie siehst.“
Dieses Gebet kann ich Ihnen nur weiterempfehlen.
Und ich hoffe, dass sich Ihnen nun in der Ferien- und Urlaubszeit nicht nur andere Perspektiven des Lebens und unserer Welt als im Alltag erschließen, sondern auch, dass Sie sich und die anderen und das Leben immer tiefer mit den Augen Jesu und des Vaters im Himmel sehen – und dass das eine spannende Entdeckungsreise wird …
Das wünsche ich Ihnen von Herzen!
Ihr
Dr. Christoph Maria Kohl
Domdekan & Domkustos
Impuls "Diversität"
Hier auch zum Download
„Diversität“ - Was die Apostel Petrus und Paulus uns zum Leben in Vielfalt und Unterschiedlichkeit zu sagen haben.
„Diversität“ ist derzeit in der Medienszene und in der öffentlichen Diskussion en vogue. Im Fokus ist dabei weniger die Bio-Diversität (Arten-Vielfalt bei Tieren und Pflanzen) als vielmehr die Gender-Diversität (die Vielfalt bez. der Geschlechtsaspekte), die Vielfalt der Kulturen und die zunehmende Internationalität unserer Gesellschaft u. ä.. Bei der Bio-Diversität geht es darum, dass die naturgegebene Vielfalt nicht weiter vom Menschen beeinträchtigt wird, sondern erhalten bleibt. Bei anderen Arten von Diversität geht es darum, dass die Vielfalt der Prägungen, Orientierungen, Überzeugungen anerkannt, geachtet und gefördert wird.
Zum Teil wird dabei der Eindruck erweckt, dass Diversität an sich (über die vorgegebene Bio-Diversität hinaus) ein Ziel, eine neue Norm, ja fast Selbstzweck und ein absoluter Wert ist. Wenn aber etwas mehr oder weniger absolut gesetzt wird, dann bringt das die Gefahr mit sich, dass es dann ideologisch aufgeladen wird und dass man es sich mit dieser Thematik oder diesem Wert etwas zu einfach macht. Diese Gefahr sehe ich auch hier.
„Diversität“ ist ein Begriff, der zunächst eine Gegebenheit, ein vorfindliches Faktum beschreibt. Vom lateinischen Wort „diversus“ her bedeutet es: Vielfalt, Vielfältigkeit, Verschiedenheit, Unterschiedlichkeit - bis hin zu „entgegengesetzt - völlig verschieden - widersprechend - gegnerisch - feindlich“. In diesem Sinn „divers“ können Individuen, soziale Gruppen, Kulturen und Staaten usw. sein. Diversität ist ein deskriptiver Begriff, der einen Aspekt der Wirklichkeit beschreibt, wie sie ist oder wie sie sein kann.
Wenn aber die Menschen und die verschiedenen Gruppierungen in einer gewissen Vielfalt leben und unterschiedlich, ja gegensätzlich sind, dann ist das über das bloße Faktum hinaus vor allem eine Herausforderung, eine Aufgabe.
Je unterschiedlicher die Einzelnen und alle Teil-Welten sind und je größer von daher die Diversität im Ganzen ist, desto anspruchsvoller, ja schwieriger ist es, damit gut umzugehen. Denn für ein „gutes Leben für alle“ ist nicht nur der Freiraum notwendig, in dem die Einzelnen und Gruppierungen in ihrer Eigenart leben können und so toleriert werden, sondern zugleich auch das, was sie verbindet und zusammenhält, ein Zusammengehörigkeitsgefühl bis hin zu einem gewissen Grundwerte-Konsens - sonst „geht nichts mehr zusammen“ und fällt alles auseinander. Diese beiden Aspekte oder vielleicht auch gegenläufigen Kräfte, die Diversität bzw. der Freiraum für sie einerseits und der Zusammenhalt, das Verbindende andererseits, sind aufeinander angewiesen - eine gute Balance dieser beiden ist für das Gelingen des Lebens notwendig.
Und weil das so ist, ist das Leben in Diversität nicht an sich etwas automatisch Gutes. Es muss entsprechend gestaltet werden, damit es dadurch als bereichernd und hilfreich erfahren werden kann. Wenn die dazu notwendigen Voraussetzungen (bei den Einzelnen und in der Gesellschaft) nicht gegeben sind, dann kann Diversität Ängste, Abschottung und Abwehrreaktion bis hin zu Spaltung, Hass und Gewalt auf allen Ebenen hervorrufen - dafür gibt es genügend Beispiele, gerade auch in der Corona-Zeit.
Was eine wichtige Voraussetzung dafür ist, dass die Vielfalt und Verschiedenheit ihre positive Seite zeigen können, das können wir an den Aposteln Petrus und Paulus ablesen. Das ist mir aufgegangen, als wir in der vergangenen Woche ihren Gedenktag gefeiert haben, „Peter und Paul“ am 29. Juni.
Petrus und Paulus waren „sehr divers“, ganz unterschiedlich bis gegensätzlich in vielerlei Hinsicht - was Herkunft, Bildung, Lebensmilieu, Beruf, religiöse Prägung, Persönlichkeit, Überzeugungen usw. angeht. Beide waren sie „voller Feuer“, voller Leidenschaft in ihrem Einsatz für Jesus Christus, seine Frohe Botschaft und für die ersten Christengemeinden. Und dabei waren sie durchaus auch unterschiedlicher, ja gegensätzlicher Meinung, was z.B. die Mission unter den Heiden angeht (s. Apg 10-15). Das spiegelt die „Apostelgeschichte“ (Apg) im Neuen Testament trefflich wider (es lohnt sich, diese Erfahrungsberichte und Glaubenszeugnisse aus der ersten Zeit der christlichen Gemeinden und der wachsenden Kirche einmal zu lesen!). Sicherlich hat es öfter „gekracht“ zwischen Petrus und Paulus. Beim sogenannten Apostelkonzil in Jerusalem, der ersten „Generalversammlung“ der jungen Kirche (Apg 15, 6-29), kam es dann zur offenen Auseinandersetzung zwischen den beiden und den zwei Parteien, die sich um sie gebildet hatten. Und es kam zu einer Einigung - die den Weg dazu geebnet hat, dass aus den ersten kleinen Gemeinden dann die Weltkirche werden konnte; also eine ganz entscheidende Weichenstellung! Danach haben Petrus und Paulus „an einem Strang gezogen“ - und jeder hat auf seine Weise dazu beigetragen, dass die Frohe Botschaft von Jesus Christus ihren Weg zu den Menschen finden konnte.
Und am Ende ihres Wirkens und Lebens gibt es nochmals etwas, was sie tief verbindet: Beide sind in Rom als Märtyrer gestorben, haben ihr Leben ganz für Jesus Christus hingegeben.
Die „Diversität“ von Petrus und Paulus, dass sie in verschiedener Hinsicht sehr unterschiedlich, ja gegensätzlich waren, hat sich also letztlich trotz mancher Auseinandersetzung nicht negativ ausgewirkt, sondern positiv, indem sie auf gemeinsamer Grundlage unterschiedliche Zielgruppen für Jesus Christus gewinnen konnten. Entscheidend dafür war, dass es bei aller Diversität doch auf tiefere Ebene etwas Gemeinsames, Verbindendes zwischen ihnen gab. Ihr Wirken und ihre Lebenshingabe im Martyrium spiegeln wider, dass sie sich in Jesus Christus wiederfinden und zusammenfinden konnten - dass sie für IHN und aus IHM gelebt haben; das ist der Punkt, der ihnen eine fundamentale Gemeinsamkeit gegeben hat, so dass sie von daher mit ihrer faktischen Diversität (auf anderer Ebene) gut umgehen und sie fruchtbar machen konnten. Daran wird deutlich: Die Voraussetzung dafür, dass Diversität sich positiv auswirken kann, ist, dass es auf tieferer Ebene etwas Verbindendes und Gemeinsames gibt. Das gilt auch heute, wenn es darum geht, wie wir mit „Diversität“ umgehen und sie gestalten. Je tiefer wir in dem verbunden sind, was uns „im Grunde“ gemeinsam ist, desto besser können wir mit der gegebenen Diversität umgehen, damit sie wirklich eine Bereicherung wird.
Dazu noch ein paar Anregungen - im Sinne einer „Wahrnehmungs-Übung“:
• Wo erleben Sie „Diversität“? Bei welchen Menschen/gruppen und in welchen Lebensräumen?
• Wie wirkt die erfahrende Verschiedenheit, Vielfalt, Gegensätzlichkeit auf Sie? Welche Gefühle und innere Regungen spüren Sie dabei?
• Überlegen Sie einmal, wenn Sie Diversität in verschiedener Weise erleben, was „darunter“, auf tieferer Ebene, möglicherweise das Gemeinsame und Verbindende sein könnte, wo man sich zusammenfinden kann - und, wie von daher (wie bei Petrus und Paulus) die Unterschiedlichkeit positiv gestaltet werden kann?
• Fallen Ihnen Menschen ein, denen es gelingt, sich auf die faktische Diversität gut einzustellen und gut mit ihr umzugehen? Haben Sie eine Ahnung davon, warum ihnen das gut gelingt?
• Was ist hilfreich, was können Sie selbst dazu beitragen, dass das bei aller Diversität notwendige Zusammengehörigkeitsgefühl und der Grundwerte-Konsens wachsen?
Ich wünsche Ihnen, dass Sie in die gegebene Diversität eintauchen und sich so mit ihr beschäftigen, dass Sie sie dann als Chance und Bereicherung erleben können!
Ihr
Dr. Christoph Maria Kohl
Domdekan & Domkustos