Mittwoch, 21. Oktober 2026
20 Jahre Seligsprechung Paul Josef Nardini
Ordensgründer, Seelsorger und „Vater der Armen“
Speyer. Vor 20 Jahren, am 22. Oktober 2006, wurde Dr. Paul Josef Nardini im Speyerer Dom seliggesprochen. Die Feier mit dem von Papst Benedikt XVI. beauftragten Kardinal Friedrich Wetter war ein besonderes Ereignis für das Bistum Speyer: Erstmals wurde ein Priester des Bistums und ein Pfälzer seliggesprochen. Kardinal Friedrich Wetter verlas im Gottesdienst das Apostolische Schreiben, das die Verehrung Nardinis als Seliger erlaubte und den 27. Januar als seinen Gedenktag festlegte. In seiner Predigt betonte Wetter die Bedeutung des neuen Seligen für das Bistum. Dessen Einsatz für die Armen sei aus seinem Glauben erwachsen: „In den Armen klopft Jesus selbst an mein Herz.“ Bis zu seinem Tod im Alter von 40 Jahren hatte Nardini mit der von ihm gegründeten Schwesterngemeinschaft, heute bekannt als Mallersdorfer Schwestern, bereits viel Not gelindert. Rund 2.000 Gläubige feierten den Gottesdienst im voll besetzten Dom mit, etwa 6.000 weitere verfolgten ihn auf einer Großbildleinwand im Domgarten. Nach dem Gottesdienst wurde Wein aus dem Domnapf vor der Kathedrale ausgeschenkt: 1.000 Liter Rebensaft aus Neustadt-Geinsheim, wo Nardini zeitweise als Seelsorger tätig gewesen war. Die Gläser mit dem Bild des Seligen durften die Gläubigen als Erinnerung an diesen besonderen Tag mit nach Hause nehmen. Bis heute ist Nardini als Seelsorger bekannt, der sich mit großer Konsequenz der Not der Menschen annahm. Sein Leben verbindet Priestersein, tiefen Glauben und soziales Engagement.
Eine schwierige Kindheit
Paul Josef Nardini wurde am 21. Juli 1821 in Germersheim geboren. Seine Kindheit war nicht einfach. Als uneheliches Kind kam er früh zu Pflegeeltern. In der Schule fiel er durch seine Begabung und seinen Wissensdurst auf. Über die Lateinschule in Germersheim und das Gymnasium in Speyer führte ihn sein Weg schließlich zum Studium der Theologie und Philosophie nach München. Dort promovierte Nardini mit Auszeichnung und kehrte nach Speyer zurück, wo er zum Priester geweiht wurde. Nach Stationen als Kaplan in Frankenthal und als Pfarrer in Geinsheim kam er 1851 nach Pirmasens.
In der westpfälzischen Stadt erwartete ihn eine besondere Herausforderung: Pirmasens war von wirtschaftlicher und sozialer Not geprägt. Viele Menschen lebten unter schwierigsten Bedingungen, alte Menschen und Kinder waren häufig auf Hilfe angewiesen. Nardini begegnete dieser Not zunächst als Seelsorger. Für ihn gehörten die Sorge um das Seelenheil und die materielle Sorge um den Menschen jedoch zusammen.
Pfarrer in Pirmasens
Nardini setzte viel daran, das religiöse Leben in seiner Gemeinde neu zu beleben. Er organisierte eine Volksmission, förderte kirchliche Vereinigungen und den Kirchenchor und legte großen Wert auf Gottesdienst und Sakramente. Gleichzeitig sah er die sozialen Probleme seiner Gemeinde und konnte sie nicht einfach hinnehmen.
1853 holte er Niederbronner Schwestern aus dem Elsass nach Pirmasens. Sie übernahmen Teile der desolaten Armen- und Krankenpflege. Doch ihre Arbeit war aufgrund der politischen Situation nicht von langer Dauer. Das Mutterhaus lag im französischen Elsass, und die Schwestern mussten Pirmasens schließlich 1855 wieder verlassen. Nardini stellte sich die Frage, wie die dringend benötigte Hilfe weitergehen konnte.
Die Gründung einer neuen Gemeinschaft
Nardini suchte nach einer dauerhaften Lösung. Schließlich beauftragte er zwei junge Frauen, die dem Dritten Orden des heiligen Franziskus angehörten, sich der Armen, Kranken und verwahrlosten Kinder in Pirmasens anzunehmen. Am 2. März 1855 begann damit die Geschichte der Gemeinschaft, die später als die „Armen Franziskanerinnen von der Heiligen Familie“ und heute vor allem als „Mallersdorfer Schwestern“ bekannt wurde.
Am 1. Mai 1855 zogen die Schwestern mit inzwischen aufgenommenen Waisenkindern in das Armenkinderhaus ein. Die Gemeinschaft wuchs schnell. Schon bald konnten Schwestern auch in andere Orte der Pfalz und nach Bayern geschickt werden. Der Aufbau der Gemeinschaft verlief allerdings nicht konfliktfrei. Nardini handelte zunächst eigenständig und musste sich mit dem Speyerer Bischof auseinandersetzen. Denn eigentlich war ihm die Gründung einer eigenen Ordensgemeinschaft untersagt worden. Das Wohlergehen der ihm anvertrauten Menschen war ihm jedoch offenbar wichtiger. Schwestern berichteten, er sei oft nachts zum Beten in der Kirche gewesen. Immer wieder soll er gesagt haben: „Mein Heiland, nimm mein Leben, nur schone meine kleine Herde.“ Letztlich wurde die Gemeinschaft nach Überprüfung durch einen Gesandten aus Speyer 1857 bischöflich anerkannt.
Was klein in Pirmasens begonnen hatte, entwickelte sich nach Nardinis Tod zu einer weit über die Region hinaus wirkenden Ordensgemeinschaft. Bereits 1862, im Todesjahr ihres Gründers, verfügte sie über 36 Niederlassungen mit 220 Schwestern. 1869 zog das Mutterhaus nach Mallersdorf in Niederbayern – daher der bis heute geläufige Name „Mallersdorfer Schwestern“.
Ein kurzes Leben
Viel Zeit blieb Nardini nicht, um die Entwicklung seiner Gründung zu begleiten. Er war gesundheitlich schon länger angeschlagen und starb am 27. Januar 1862 nach einer Lungenentzündung. Er wurde nur 40 Jahre alt.
Sein Tod war für die junge Gemeinschaft und Pirmasens ein schwerer Einschnitt. Seine Idee aber überlebte ihn. Die Schwestern wirkten weiter in der Kranken- und Altenpflege, in der Erziehung und in der Unterstützung von Menschen in Not. Ihre Gemeinschaft breitete sich zunächst in Deutschland und später auch international aus.
Der Weg zur Seligsprechung
Die Erinnerung an Nardini blieb vor allem durch seine Schwesterngemeinschaft lebendig. Im Laufe der Zeit wurde sein Leben und Wirken zunehmend untersucht. 1990 begann das Bistum Speyer, sein Leben und Wirken systematisch zu erforschen und zu dokumentieren. Seit 1999 wurde der Seligsprechungsprozess in Rom weitergeführt.
Eine besondere Bedeutung hatte dabei die Heilung einer Ordensschwester. Sie war 1953 schwer erkrankt. Ihre rasche und medizinisch nicht erklärbare Genesung wurde auf die Fürsprache Nardinis zurückgeführt und von der Kirche als Heilungswunder anerkannt. Damit war neben der Feststellung äußerster Tugendhaftigkeit Nardinis eine entscheidende Voraussetzung für die Seligsprechung erfüllt. Am 22. Oktober 2006 war es schließlich so weit: Im Speyerer Dom wurde Paul Josef Nardini seliggesprochen.
Mit der Seligsprechung stellte die katholische Kirche nach den vorgesehenen Prüfungen fest, dass Nardini als vorbildlicher Christ gelebt und gestorben sei. Zugleich darf er seitdem als Seliger verehrt und um seine Fürsprache angerufen werden.
Was von Nardini bleibt
20 Jahre nach seiner Seligsprechung ist Nardini eng mit Pirmasens, dem Bistum Speyer und den Mallersdorfer Schwestern verbunden. Sein jährlicher Gedenktag ist der 27. Januar, sein Todestag. An seinem Grab in Pirmasens wird seiner bis heute gedacht. Seine Bedeutung erschöpft sich dabei nicht in der Gründung einer Ordensgemeinschaft. Nardini steht für ein Verständnis von Seelsorge, das den ganzen Menschen in den Blick nimmt. Für ihn waren Glaube und tätige Nächstenliebe eine Symbiose. Wer sich um das Seelenheil der Menschen sorgt, muss auch ihre Not wahrnehmen.
Darin liegt vielleicht der Kern seines Wirkens. Nardini sah in Pirmasens nicht nur eine schwierige soziale Lage, sondern Menschen. Kinder, Alte, Kranke und Familien, die Hilfe brauchten und suchte nach praktischen Antworten. Die Mallersdorfer Schwestern wurden zu dieser Antwort. Aus einer kleinen Gruppe von Frauen in Pirmasens entstand eine Ordensgemeinschaft, die bis heute in vielen Bereichen tätig ist.
Auch 20 Jahre nach der Seligsprechung ist deshalb die Frage interessant, was von Nardinis Erbe bleibt. Das Bistum Speyer verbindet mit ihm bis heute den Gedanken, dass christliche Seelsorge immer auch den Blick für die Not des Menschen einschließt. Der Nardini-Preis des Caritasverbandes für die Diözese Speyer greift diesen Gedanken auf und würdigt ehrenamtliche Gruppen, die neue Wege gehen, um Menschen in Not zu helfen.
Das 20. Jubiläum seiner Seligsprechung ist deshalb nicht nur Anlass für einen Blick zurück. Es erinnert an einen Priester, dessen Leben von der Überzeugung geprägt war, dass Glaube sichtbar werden muss in der Seelsorge, im Gebet und ebenso in der tätigen Hilfe für die, die sich selbst nicht helfen können.
Hier finden Religionslehrer*innen Unterrichtsmaterial zu Nardini: https://www.taskcards.de/#/board/da482dea-a81c-4cef-a6a0-ad4da7297500?token=d15b8333-2398-4e36-b931-302bb5f183cc


























